16.06.2020 - 12:28 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Gast im Hospiz Sankt Felix: "Ich war unsicher. Bin ich wirklich so krank?"

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Worüber unterhält man sich mit einem todkranken Menschen in einem Hospiz? Besuch bei einem 73-jährigen Gast im Hospiz Sankt Felix in Neustadt, der schwer an Krebs erkrankt ist.

Blick auf die sommerlichen Balkone der Zimmer im Hospiz Sankt Felix. Wenn das Wetter gut ist, können die Betten der Gäste auf die Balkone geschoben werden.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

Zum Mittag gibt es Suppe im Hospiz, aber Herr M. hat es nur auf den Nachtisch abgesehen. „Wenn ich Grießbrei mit Zimt und Zucker kriege, brauche ich nichts anderes.“ „Er ist ein Süßer“, sagt pflegerische Leiterin Elfriede Dollhopf, die dem 73-Jährigen zuvor geholfen hat, sich aufrecht hinzusetzen. Am liebsten möge er Plätzchen und Schokolade. Er drückt es so aus: „Ich bin für die das Hausschwein.“

Ohne Medikamente könnte der Senior nicht sitzen. Eine Positionsänderung ist für ihn und die Pflegerin ein Kraftakt. Doch die beiden sind längst ein eingespieltes Team. „Ich war einer der ersten Gäste hier“, sagt der schwer Krebskranke, der bereits im vergangenen Sommer ins Hospiz gezogen ist, nicht ohne Stolz. Viele andere Gäste sind seit seinem Einzug verstorben. Er hält durch. Doch auch sein Befinden hat sich mit der Zeit verschlechtert.

"Ich habe nicht so morbide empfunden"

Im Alter von 65 Jahren bricht bei ihm eine Krebserkrankung an der Prostata aus. Er lässt sich operieren, obwohl der Urologe Zweifel äußert, ob sich das noch lohnt. „Ich war der Meinung, kranke Körperteile dulde ich nicht. Das Ding muss weg“, erinnert sich Herr M. Doch der Krebs breitet sich aus. „Der Knochenkrebs macht mich immer wieder fertig.“

Dass er in ein Hospiz gehört, hat er anfangs nicht wahrhaben wollen. „Ich bin hierher gekommen und habe keine Ahnung gehabt von Tuten und Blasen. Ich war in der ersten Zeit unsicher. Bin ich wirklich so krank? Ich habe nicht so morbide empfunden. Ich konnte mich noch frei bewegen. Doch die Ärzte haben gesagt: ’Sie sind todkrank’. Als Patient sieht man das nicht so. Ich habe überlegt, ob ich erst in die Palliativversorgung gehe. Aber meine Ärztin sagte: ‚Sie gehören ins Hospiz‘.“

Herr M. war der erste Gast, der sich in Sankt Felix selbst angemeldet hat. Zuvor hat er sich die Einrichtung in Ruhe angesehen. Nach einer längeren Schmerzattacke sei er freiwillig eingezogen. „Die Frage war, wie geht es weiter und zu Ende? Als es so schlimm geworden ist, habe ich gedacht, ich habe noch ein halbes Jahr und das war’s.“ Seitdem ist rund ein Jahr vergangen.

Fragen und Antworten zum Hospiz Sankt Felix

Neustadt an der Waldnaab

„Mittlerweile hat sich mein Zustand ziemlich verschlechtert. Ich liege viel herum und dämmere vor mich hin. Ich bin stark schmerzgelindert“, sagt der 73-Jährige, der manchmal beim Reden den Faden verliert. „Mir bricht immer wieder der Verstand zusammen. Und ich bin immer so schlapp, aber glaube dann nicht, dass ich schlappmache.“ Im Hospiz Sankt Felix fühlt er sich nach eigener Auskunft „sauwohl“. Hier sei er in einer gepflegten Situation und könne den Ärzten schildern, wie es ihm geht.

"Mit mir ist die Musik ins Hospiz gekommen"

Wenn Herr M. aus seinem Leben erzählt, blüht er richtig auf. Er sei Diplom-Sozialarbeiter und -Pädagoge gewesen, habe außerdem einige Semester Theologie studiert. Er berichtet von verschiedenen beruflichen Stationen, von Musik und vom Schafkopfen. „Ich bin eine eierlegende Wollmilchsau“, sagt er über sich selbst. Sein Abitur habe er in Weiden gemacht. „Ich bin Weiden-Fan“, gesteht er. Auch deshalb sei seine Wahl auf das nahe an der Stadt gelegene Hospiz Sankt Felix gefallen.

Er versucht lange, seine Zeit im Hospiz so gut es geht zu genießen und bekommt Unterstützung vom Pflegeteam. „Mit mir ist die Musik ins Hospiz gekommen“, erzählt er. „Ich bin seit 25 Jahren begeisterter Chorsänger. Ich stimme einfach was an.“ Elfriede Dollhopf bestätigt, vor allem in der Herbst- und Adventszeit habe Herr M. viel gesungen, was ihm auch dank der Medikamente möglich gewesen sei. „Ja, anfangs habe ich da keine Lust zu gehabt“, sagt er. Auf den Tischen in seinem Zimmer liegen nicht nur Schokoriegel, sondern auch CDs. „Ich habe von mir selber aufgenommene und gesungene Chormusik da. Die spiele ich ab und zu. Ich weiß nicht, wie gut ich singe, aber die Chormitglieder sagen, seit ich nicht mehr da bin, fehle eine Stimme.“ Die sorgte manchmal für Erheiterung im Hospiz. Aus einer Esstischgruppe machte Herr M. kurzerhand einen kleinen Hospiz-Chor. „Wir haben schon ganz viel mit Ihnen gelacht und Freude gehabt“, sagt Elfriede Dollhopf. „Viel zu lachen ist eines meiner Lebensprinzipien“, erwidert er. Wenn es ihm nicht gut ging, haben ihm seine Nachbarn und die Pflegekräfte vor der Tür ein Ständchen gesungen.

Viel zu lachen ist eines meiner Lebensprinzipien.

Herr M., Gast im Hospiz Sankt Felix

Herr M. möchte den Reporterbesuch, der vor der Coronakrise stattgefunden hat, nutzen und gerne noch viel mehr erzählen aus seinem bewegten Leben. Doch seine Kraft lässt nach. Er pausiert. „Jetzt bin ich doch ganz schön erschöpft“, sagt er etwas erstaunt und lehnt sich zurück. Elfriede Dollhopf hilft und redet ihm gut zu, sich nun Ruhe zu gönnen. Man könne gerne wiederkommen, sagt er zum Abschied. Es gebe noch so viel zu erzählen.

Inzwischen hat sich der Zustand von Herrn M. weiter verschlechtert. „Wir können kaum mehr mit ihm kommunizieren“, erzählt Hospizleiterin Susanne Wagner. Doch die gemeinsame intensive Zeit helfe ihm und ihrem Team auch jetzt noch: „Wir legen ihm ohne Aufforderung die Musik auf, die er gerne hört, und wissen auch ohne Worte, was er von uns möchte und wie wir ihn berühren dürfen.“

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Serie:

Leben im Hospiz Sankt Felix

Das Hospiz Sankt Felix in Neustadt besteht seit gut einem Jahr. Wie ist das Leben an einem Ort, an dem gestorben wird? In einer losen Serie stellen wir das Hospiz und die Menschen dort vor. Dieser Artikel ist der vierte Teil der Serie. In einem weiteren Teil kommen zwei Hinterbliebene zu Wort.

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