07.06.2020 - 12:09 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Ein Jahr Hospiz Sankt Felix: "Wir geben den Menschen nicht auf"

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Seit einem Jahr ist das Hospiz Sankt Felix in Neustadt in Betrieb. Wie ist das Leben an einem Ort, an dem gestorben wird? Hospizleiterin Susanne Wagner gibt im zweiten Teil unserer Serie einen zutiefst menschlichen Einblick.

Die Nähe zueinander, zu den Gästen im Hospiz und deren Angehörigen ist für das Pflegeteam rund um Elfriede Dollhopf (Zweite von links) elementarer Bestandteil ihrer Arbeit im Hospiz Sankt Felix in Neustadt. So nah wie auf diesem Foto, das vor dem Ausbruch der Coronakrise entstanden ist, kommen sich die insgesamt 20 Mitarbeiterinnen derzeit allerdings nicht.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

Susanne Wagner fasst ihren persönlichen Rückblick auf das erste Jahr im Hospiz Sankt Felix in Neustadt in zwei Sätzen zusammen. „Ich bin beruflich angekommen. Viel Arbeit und viel Freude, das war das erste Jahr für mich.“ Die Weidenerin leitet das Hospiz, ist Case-Managerin im Sozial- und Gesundheitswesen und war 25 Jahre lang am Weidener Klinikum tätig, davon 15 in leitender Funktion in der Patientenkoordination und dem Belegungsmanagement. Dort hat sie auch mit Patienten und Angehörigen auf der Palliativstation zu tun gehabt. „Ich habe im Umgang mit Menschen in dieser Lebensphase für mich viel mitgenommen. Es war für mich durchweg der richtige Weg.“

Wagner erinnert sich an besondere Momente im ersten Jahr im Hospiz, wie die erste Gedenkfeier im Juli 2019 für die bis dahin bereits 33 Verstorbenen. „Ich habe kein Wort herausgebracht, so ergriffen war ich.“ Im Gedächtnis bleiben ihr auch Erinnerungen an die Gäste. Darunter ein Gast, dessen Familie nach Jahren der Auseinandersetzung im Hospiz zusammengefunden habe. „Für manche ist die Endgültigkeit ein Grund, einen Schritt aufeinander zu zu machen.“ Momente, von denen das Team im Hospiz zehrt. „So eine Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit im Umgang miteinander wie hier findet man nicht überall“, sagt die 50-jährige gelernte Pflegefachkraft.

Susanne Wagner, Leiterin des Hospiz Sankt Felix in Neustadt.

Fragen und Antworten zum Hospiz Sankt Felix

Neustadt an der Waldnaab

Wer die Hospizräume betritt, betritt einen Bereich des ehemaligen Krankenhauses Neustadt, der auf den ersten Blick nicht an ein Krankenhaus erinnert. Die Räume sind hell, freundlich eingerichtet. Es gibt eine neue moderne Küche ("Essensdüfte aus der Küche bedeuten Lebensqualität“), ein gemütliches Wohn-Ess-Zimmer mit ledernen Sesseln, einen Raucherraum ("Unsere Gäste müssen nicht mehr damit aufhören“). Auf dem Flur liegen Illustrierte aus.

Alle Zimmer haben einen großen, hölzernen Balkon mit Blick auf Blumen und Bäume. Im Sommer können sogar die Betten auf die Balkone geschoben werden. Wären da nicht das Bad mit pflegetauglicher Wanne, der große Raum der Stille als Rückzugs- und Besinnungsort für alle Beteiligten und der Verabschiedungsraum, fühlte man sich wie in einer ganz normalen Wohngemeinschaft.

"Manche möchten nur sterben"

Wer ins Hospiz einzieht, nimmt nicht viel mit. Trotzdem finden sich manche Gegenstände bei vielen Gästen: Radios, Bilder von Angehörigen, selbst gemalte Bilder von Enkelkindern, Fotos von Haustieren oder mitgebrachte Lieblingspflanzen. Goldfische und Hamster können auf Wunsch mit einziehen. Katzen und Hunde der Gäste können von Besuchern mitgebracht werden. Außerdem kommt der Begleithundeverein manchmal zu Besuch.

Wie ein Mensch darauf reagiert, in ein Hospiz einzuziehen, ist laut Wagner nicht pauschal zu beantworten. „Manche ignorieren komplett, dass sie in einem Hospiz sind. Manche lassen uns das Notwendigste tun, möchten aber nur sterben. Für uns ist das auch schlimm, wenn wir nicht mehr an die Menschen herankommen. Andere lassen bis zur letzten Phase Kontakt zu, haben Freude am Singen, obwohl sie wissen, dass sie sterben.“

Pflegerinnen und Wegbegleiter

Vor einem der neun verfügbaren Zimmer steht ein Wagen mit Handschuhen und Mundschutz. Der Gast in diesem Zimmer hat zwar kein Coronavirus, aber er ist infektiös. Die Schwestern müssen sich schützen, wenn sie ihn umsorgen. Im Hospiz ist nur dreijährig ausgebildetes Pflegepersonal beschäftigt, keine Pflegehelfer. Nach und nach wurden und werden die Mitarbeiterinnen als Palliativfachkraft weitergebildet. Es gibt eine 3-2-2-Schicht: Drei Pflegerinnen sind morgens da, zwei tagsüber und zwei nachts. Sie kümmern sich um eine Vielzahl von Erkrankungen und Beschwerden: Schmerzen, Atemnot, Demenz, blutende Wunden, dauerndes Erbrechen, Wasseransammlungen im Körper, voranschreitende Lähmungen, epileptische Anfälle. Doch die medizinische Versorgung ist nur ein Teil ihrer Aufgabe. Sie sind auch Zuhörerinnen, Trost- und Kraftgeberinnen.

Angst spielt bei den Hospizbewohnern laut Wagner weniger ausgeprägt eine Rolle, als man denken könnte. „Aber die Nächte sind für manche Gäste ein Thema. Sie sind unruhiger und läuten häufiger.“

Das Hospiz-Team wird von 70 qualifizierten ehrenamtlichen Hospizbegleitern des ambulanten Hospizdienstes Sankt Felix unterstützt, die sich auch auf der Palliativstation im Krankenhaus und in privaten Haushalten engagieren. „Die menschliche Hand ist sehr wichtig für das Wohlbefinden unserer Gäste“, so Wagner. Im Unterbewusstsein passiere viel, was mit dem Auge nicht erfasst werden könne. Und nicht jeder Gast bekommt viel Besuch, der in der Coronakrise ohnehin nur eingeschränkt möglich ist. „Wir lachen viel mit den Gästen, aber wir weinen natürlich auch“, erzählt die Hospizleiterin. „Wir geben den Menschen nicht auf.“

Interview mit Susanne Wagner

Das Hospiz Sankt Felix in Neustadt in der Coronakrise

Neustadt an der Waldnaab

Erste Bilanz drei Monate nach Betriebsaufnahme im Hospiz St. Felix

Neustadt an der Waldnaab

Besuch im Hospiz kurz vor der Eröffnung

Neustadt an der Waldnaab

Malteser Hilfsdienst stellt Hospiz St. Felix vor

Weiden in der Oberpfalz

Alle Artikel über das Hospiz St. Felix in Neustadt/WN

Das Hospiz Sankt Felix im Internet

Info:

Serie: Leben im Hospiz Sankt Felix

Das Hospiz Sankt Felix in Neustadt besteht seit einem Jahr. Wie ist das Leben an einem Ort, an dem gestorben wird? In einer losen Serie stellen wir das Hospiz und die Menschen dort vor. Dieser Artikel ist der zweite Teil der Serie. In drei weiteren Teilen kommen die pflegerische Leiterin Elfriede Dollhopf, ein 73-jähriger Gast und zwei Hinterbliebene zu Wort.

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.