Zu frieren ist etwas, das Berek Goldfeier kennt. Und nicht nur das: Er kennt neben Kälte auch Hunger, Entbehrung, Gewalt, Tod, Verlust und tiefe Trauer. Berek ist 14 Jahre alt. Er hat keinen Vater, keine Mutter, keine ältere Schwester, keinen jüngeren Bruder und kein Zuhause mehr. Er hat keine Heimat mehr. Es gibt für ihn nur noch Moshe, seinen älteren Bruder. Und doch ist Berek hungrig nach Leben. Sein Lächeln erreicht nach wie vor seine Augen, auch wenn er fast die Hälfte seiner 14 Lebensjahre in der Hölle verbracht hat.
Nach der Befreiung aus dieser Hölle ist Berek schließlich über viele Umwege in Regensburg gelandet. Es ist Dezember 1945. Der Krieg ist seit einigen Monaten vorbei, doch die Not, Zerstörung und Zerrissenheit sind größer denn je. Berek will hier nicht bleiben. Es ist nur ein weiterer Zwischenstopp für ihn. Sein Ziel: das gelobte Land. Berek hat sich bei den Behörden angemeldet und eine Unterkunft in der Zollerstraße 15 in der Nähe des Regensburger Bahnhofs zugewiesen bekommen. Auch in Sachen Versorgung gibt es einen Hoffnungsschimmer: Ein Bahnbeamter hat ihm in Aussicht gestellt, dass er ihm warme Kleidung besorgen könnte. Berek vertraut darauf.
Auch die Anweisung des Mannes, dass er dafür mit ihm mitgehen müsse, macht den Jungen nicht stutzig. Die Not ist zu groß, um Angebote wie diese zu hinterfragen oder auszuschlagen. Nur seinem Bruder und seinen beiden Bekannten aus der Zollerstraße erzählt er davon, dass er den Mann an diesem Sonntag treffen will. Dann macht er sich auf in die bitterkalte Nacht – und kehrt nie wieder zurück.
Bekannte identifizieren den Toten
Am 20. Dezember 1945 wird in einer ehemaligen Durchgangs-Pakethalle des Postamts am Regensburger Bahnhof die Leiche eines Jungen gefunden. Der Tote trägt keine Ausweispapiere bei sich, deswegen kann er zunächst nicht identifiziert werden. Was er allerdings dabei hat, sind laut Polizeibericht 1700 Reichsmark sowie Rubel- und Zloty-Geldscheine. Es wird die Vermutung vermerkt, dass es sich um einen Zitat „Ausländer“ handelt. Ein Pressebericht in der Mittelbayerischen Zeitung hat zur Folge, dass sich zwei Bekannte des Toten bei der Polizei melden. Sie identifizieren ihn als den 14 Jahre alten Schüler Berek Goldfeier.
Berek ist gemeinsam mit seinem Bruder Moshe über eine Fluchtroute nach Regensburg gekommen. Zuvor hatten die beiden im Ghetto von Łódź und in einem niederschlesischen Konzentrationslager über Jahre hinweg die Hölle durchlebt. Von den ursprünglich sechs Mitgliedern der Familie Goldfeier haben nur Berek, Moshe und deren Vater, der schon während des Krieges in die Sowjetunion fliehen konnte, das NS-Regime überlebt. Mithilfe der Jewish Agency wollen die Brüder im Dezember 1945 von Regensburg aus weiter nach Palästina reisen. Während sie darauf warten, beziehen sie ein Zimmer in der Zollerstraße. Kurze Zeit später ist Berek tot.
Für die Polizei steht fest, dass er einem Raubmörder zum Opfer gefallen sein muss. Und das, obwohl der Junge noch viel Geld und andere Wertgegenstände bei sich trägt. Danach stagnieren die Ermittlungen schnell. Zwei Verdächtige werden aufgrund von Denunziationen befragt – und sofort wieder entlassen, da sie in keinen Zusammenhang mit dem Mord gebracht werden können. Die Ermittlungsakte umfasst am Ende nur wenige Seiten. Ein Zeichen dafür, dass die Polizei kein echtes Interesse daran gehabt hat, den Mord wirklich aufzuklären?
Antisemitismus als Motiv?
Die akribischen Recherchen der Journalistin und Autorin Waltraud Bierwirth deuten darauf hin. Für sie ist außerdem klar, dass ein Raubmord nicht infrage kommen kann und ein anderes Motiv den Täter angetrieben haben muss: Antisemitismus. Dieser sei mit Kriegsende auch in Regensburg nicht einfach verschwunden, sagt Bierwirth – und fragt: „Warum legt sich die Regensburger Kripo in beiden Fällen sofort auf einen Raubmord fest, ohne ein antisemitisches Motiv überhaupt zu prüfen?“
Für Bierwirth steht sogar im Raum, dass die Polizei im Zusammenhang mit der Ermordung des jüdischen Jungen nicht nur wenig Interesse gezeigt, sondern möglicherweise sogar selbst ihre Finger im Spiel gehabt haben könnte. Entscheidende Beteiligte an der Ermittlung im Fall Goldfeier waren während der NS-Zeit Teil von Regensburger Polizei-Reserve-Bataillonen oder der SS-Polizei-Wachkompanie im Ghetto Łódź. Dort lebte auch die Familie Goldfeier. „Regensburger Polizisten waren an Massenmord und Deportationen beteiligt“, sagt Bierwirth. Viele der Täter machten im Anschluss bei der Kriminalpolizei Karriere. Die Autorin vermutet, dass die Regensburger Polizisten mit NS-Vergangenheit Interesse daran gehabt haben könnten, dass Berek Goldfeier keinen von ihnen mehr identifizieren könnte.
Doch es gibt auch andere Theorien zu einem möglichen Täter. In der Ermittlungsakte taucht der Hinweis auf einen aus Regensburg stammenden Intensivtäter auf. Genauer: In den 50er-Jahren wendet sich die Polizei in Basel (Schweiz) an die Regensburger Kriminalpolizei. Joseph J. wird verdächtigt, zwei Raubmorde begangen zu haben. Deswegen sitzt er in Basel in Untersuchungshaft. Er soll ein Ehepaar in Niederranspach (Elsass) angegriffen, den Mann ermordet und die Frau schwer verletzt haben. Anschließend habe er den Geldschrank der Eheleute geleert. Zuvor soll er eine alleinstehende Haushälterin in Riehen, einem Stadtteil von Basel, erschlagen und anschließend ebenfalls eine größere Geldsumme gestohlen haben.
Für gleich drei Morde verantwortlich?
Recherchen von Oberpfalz-Medien haben ergeben, dass die kriminelle Karriere des J. schon viel früher beginnt – in Regensburg. Mehrere Urteile der amerikanischen Militärregierung sowie des Amtsgerichts aus dieser Zeit zeigen, dass er besonders in den Schwarzhändlerkreisen am Bahnhof aktiv gewesen sein soll. Genau das Milieu, in dem Berek Goldfeier zu Tode kam. Der Junge spricht außerdem vor seinem Tod von einem Bahnbediensteten, von dem er warme Kleidung bekommen soll. J. gibt sich mehrfach als Reichsbahnbediensteter aus.
Wenige Tage nach dem Mord an Berek Goldfeier geht J. sogar aus eigenem Antrieb und ohne Not zur Polizei und gibt an, einen Verdacht in Bezug auf einen möglichen Täter zu hegen. Ein Ablenkungsmanöver? Der Versuch, einen Ermittlungsstand in Erfahrung zu bringen? Bisher gibt es auf diese Fragen keine abschließende Antwort. Die Ermittlungen im Fall Goldfeier werden in den 70er-Jahren wegen Eintritt der Verjährungsfrist endgültig eingestellt. Der Beschluss des Bundestags, dass der Tatbestand Mord nicht verjähren kann, kommt zu spät. Wer für den Tod des Jungen wirklich verantwortlich ist, könnte mutmaßlich nur dann geklärt werden, wenn die Ermittlungen ganz neu aufgerollt werden.
Hinweise zur Folge
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