Schwandorf
28.11.2025 - 07:00 Uhr
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Update: Die Tote aus dem Brunnenschacht – Der Cold Case Christa Mirthes

Spielende Kinder finden 1978 mitten in Schwandorf die Leiche der 15-Jährigen Christa Mirthes – in einem Brunnen. Die heiße Spur auf den Täter fehlt. Über einen Fall, der auch 47 Jahre später noch mehr Fragen aufwirft als er Antworten gibt.

Es ist Freitagnachmittag, der 16. Juni 1978, als der zehnjährige Thomas und der elfjährige Ewald durch die Innenstadt von Schwandorf schlendern. An einem unbewohnten Haus in der Klosterstraße machen sie Halt. Im abgelegenen Hinterhof des verlassenen Grundstücks können die beiden in Ruhe spielen, ohne dass sie von vorbeigehenden Passanten gestört werden. Aus Sicht der Kinder ist es ein perfekter Abenteuerspielplatz. Wäre da nicht dieser üble Gestank in der Luft. Zwischen all dem Gerümpel und dem Müll bemerken die beiden auffällig viele Fliegen, die in einer Ecke des Hinterhofs umherschwirren. Als die Jungen dort ein Holzbrett vom Boden entfernen, machen sie eine grausige Entdeckung. Aus dem etwa 1,30 Meter tiefen Brunnenschacht ragt ihnen die Hand einer bereits verwesten Leiche entgegen.

Darauf laufen die umfangreichen Ermittlungen der Kriminalpolizei Amberg an. Mitarbeiter des THW Schwandorf steigen in den etwa nur einen Meter schmalen Schacht und graben die Leiche aus. Dabei müssen die Helfer Gasmasken tragen, da ihnen der üble Verwesungsgeruch aus der Grube entgegenschlägt. Schon allein aus diesem Umstand vermuten die Ermittler, dass die Jugendliche längere Zeit dort unten gelegen haben muss. Der damalige Chef der Kripo vergleicht den Fundort der Leiche im Brunnenschacht mit einer Gruft. Erst nachdem die Helfer eimerweise Erde entfernen, kann die Tote geborgen werden, die eine Schmuckkette um den Hals trägt. Außer der nackten Leiche finden die Ermittler grüne Schuhe mit Absätzen, ein Feuerzeug und Frotteesocken im Brunnenschacht.

Mutter identifiziert Tochter

In den ersten Tagen sind 18 Beamte der Kripo Amberg im Einsatz, um die Identität der toten Jugendlichen zu klären. Der entscheidende Tipp kommt schließlich von der Schwandorfer Jugendrichterin. Sie macht die Ermittler darauf aufmerksam, dass die 15-jährige Christa Mirthes seit Januar von Zuhause verschwunden ist. Als die Polizisten das Gespräch mit der Mutter suchen und ihr die gefundenen Gegenstände aus dem Brunnenschacht zeigen, zeichnet sich schnell ab, dass es sich bei der Toten um das vermisste Mädchen handelt.

Derweil untersucht ein Gerichtsmediziner aus Erlangen im Bundeswehrkrankenhaus in Amberg die Leiche. Die Obduktion ergibt, dass der Täter das Mädchen an der Brust und im Intimbereich mit Schnitten verletzt hat und sie mit körperlicher Gewalt gegen Hals und Kopf getötet haben muss. Die Ermittler vermuten ein persönliches Motiv. Einige Fragen bleiben jedoch noch offen – beispielsweise, ob der Fundort in der Klosterstraße auch der Tatort ist.

Suche nach dem Tatort

Aufgrund der schweren Verstümmelungen am Leichnam nehmen die Polizisten an, dass sie an einem möglichen Tatort entsprechende Blutspuren finden würden. Am Brunnen und in den angrenzenden Gebäuden auf dem Gelände verwenden die Ermittler 1978 das damals neue Luminol-Verfahren. Unter einem bläulichen Licht kann man so die geringste Blutspur sichtbar machen. Doch auf dem Gelände in der Klosterstraße finden die Polizisten keine relevanten Spuren. Für die Ermittler wird klar, dass es sich bei dem Fundort nicht um den Tatort handelt. Fest steht nur, dass jemand sie in diesem versteckten Brunnenschacht in der Innenstadt von Schwandorf abgelegt, regelrecht entsorgt hat. Und das schränkt laut den Ermittlern einen möglichen Täterkreis ein, denn: Der Täter musste Ortskenntnisse haben, um von dem Brunnenschacht zu wissen.

In den folgenden Monaten sucht die Polizei mittels Öffentlichkeitsfahndung nach mehreren Männern: Zeugen meldeten sich zuvor bei der Kripo, weil sie Christa Mirthes in ihren letzten Lebensmonaten noch in Begleitung von verschiedenen Männern gesehen haben. Zuletzt wurde sie noch im April mit einem Mann in Schwandorf gesehen. Es gibt Phantomzeichnungen, mehrere Verhöre und Zeugenbefragungen, doch auch die Suche nach den möglichen Zeugen und Tatverdächtigen bringt keine weiteren Erkenntnisse. Auch ein möglicher Tatzeitpunkt kann nicht festgestellt werden.

Ermittlungen ins Rotlichtmilieu

Es wird in verschiedene Richtungen ermittelt, eine Spur der Ermittler führt sogar ins Rotlichtmilieu. Denn: Christa Mirthes hatte Berührungspunkte mit der Oberpfälzer Nachtlokal-Szene der damaligen Zeit. Ein Zeitzeuge beschreibt diese Szene auch als „Bordell-Szene“. Als Christa Mirthes im Jahr 1977, also etwa ein Jahr bevor sie ermordet wird, mal wieder von Zuhause fortläuft, arbeitet sie in einem Nachtclub an der Bar. Eine 14-jährige Freundin von Mirthes soll dort mit den erwachsenen Gästen im Club in Separees verschwunden sein, um die Männer zum Trinken zu „animieren“ – dabei habe die 14-jährige Freundin pro verkauftem Getränk eine Provision erhalten. Das kommt bei einer Gerichtsverhandlung im Jahr 1979 heraus, also ein Jahr, nachdem Christa Mirthes ermordet wurde. Es deutet aber vieles darauf hin, dass in dem Club zwischen manchen Bedienungen und Gästen auch mehr passiert ist, als nur der Verkauf von Alkohol. Denn: Der Betreiber wird wegen der Förderung sexueller Handlungen und wegen eines Vergehens gegen das Arbeitsschutzgesetz vom Gericht zu einer Geldstrafe von 5000 D-Mark verurteilt. Anhaltspunkte, dass Mirthes selbst in illegale Prostitution verwickelt gewesen wäre, gibt es allerdings nie. Ob ihre vereinzelten Kontakte mit dem Milieu auch tatsächlich in Zusammenhang mit ihrer Ermordung stehen, konnten die Ermittler ebenfalls nie nachweisen.

Der Fall verschwindet über die Jahre nie aus der Öffentlichkeit – doch ein konkreter Täter, das Motiv und der Tatort können nie ermittelt werden. Anfang 2023, also 45 Jahre nach der Tat, gelingt der neu gegründeten Ermittlungsgruppe „Brunnen“ der Kriminalpolizei Amberg dann ein Durchbruch. Die Beamten entdecken durch neue Analyseverfahren eine DNA-Spur auf einem Gegenstand, der damals im Brunnen gefunden wurde. Aber auch hier stoßen die Ermittler schnell an ihre Grenzen, denn mit der DNA-Spur erzielen sie keinen Treffer in der Datenbank.

Über 600 Vernehmungen 1978

Das Hauptaugenmerk in der neuen Ermittlungsstrategie solle erneut auf den letzten Lebensmonaten von Mirthes liegen. „Um neue Ansätze zu finden, müssen die Ermittler nochmal fünf Schritte weiterdenken als damals“, sagte der damalige Polizeipressesprecher Claus Feldmeier im Jahr 2023. Laut einer Beamtin der Kripo Amberg sei die Einarbeitung in den Fall äußerst umfangreich gewesen. Die damalige Ermittlungsakte ist über 3600 Seiten dick. Im Abschlussbericht von 1978 sind bereits über 600 Vernehmungen vermerkt.

Im Herbst 2023 geht die Ermittlungsgruppe „Brunnen“ mit Plakaten und Zeugenaufrufen an die Öffentlichkeit. Der Fall Christa Mirthes ist in Schwandorf wieder Thema. Es gehen zwar über 30 Hinweise aus der Bevölkerung ein, der entscheidende Tipp ist allerdings nicht dabei. Nach gut einem Jahr Ermittlungen kommt der Fall im Februar 2024 wieder zu den Akten. Die Asservate bleiben gut verwahrt, solange der Fall nicht geklärt ist.

Doch auch im Jahr 2025 laufen noch einzelne kriminaltechnische Untersuchungen, wie Polizeisprecherin Corinna Wild vom Polizeipräsidium Oberpfalz auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien mitteilt. Diese dienen dem weiteren Erkenntnisgewinn in Bezug auf das Tatgeschehen. Aus ermittlungstaktischen Gründen könne die Pressestelle jedoch keine weiteren Details nennen, denn dadurch könnte ein möglicherweise noch lebender Täter über den Ermittlungsstand in Kenntnis gesetzt werden. Heuer wäre Christa Mirthes 62 Jahre alt. Einige Zeugen sind bereits verstorben. Deshalb drängt die Zeit, wenn ein möglicherweise noch lebender Täter ermittelt werden soll. Doch auch 47 Jahre nach der Tat wirft der Fall noch mehr Fragen auf, als er Antworten liefert.

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