17.12.2020 - 11:48 Uhr
Vilshofen bei RiedenOberpfalz

Die bewegte Geschichte der Bahnstation Vilshofen

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Die Geschichte der Vilstalbahn und der Station Vilshofen ist spannend wie ein Krimi. Im Mai 1910 rollte der erste Eisenbahnzug mit einer fauchenden Dampflokomotive von Amberg nach Ensdorf durch das Vilstal. Das war damals eine Sensation.

Die Dampfeisenbahn Anfang der 1960er Jahre bei Vilshofen.
von Externer BeitragProfil

Im Dezember 1910, also vor genau 110 Jahren, konnte auch der zweite Abschnitt der Vilstalbahn bis Schmidmühlen feierlich in Betrieb genommen werden. Viele Überlegungen bei den Verantwortlichen der Königlich Bayerischen Staatseisenbahn waren nötig, um über den Streckenverlauf zu entscheiden – und ob es überhaupt sinnvoll wäre, die Vilstalbahn zu errichten.

Die Freigabe zum Bau löste bei den Einwohnern dieser ländlich und bäuerlich geprägten Region, auch in Vilshofen, große Euphorie aus. Die Bürger wussten: Mit der Eisenbahn hält auch der Fortschritt Einzug!

Der Ausbau der Strecke und die Verlegung der Schienen konnte trotz der felsigen Steilhänge entlang der Vils innerhalb von zwei Jahren abgeschlossen werden. In Vilshofen musste am Pfarrberg beim "Hewerl" erst noch Erde abgetragen werden, um diese dann am Bahnhofsgelände als Auffüllmaterial zu verwerten.

Die erste Zugfahrt für den südlichen Teil der Vilstalbahn wurde für den Zeitraum Dezember 1910 angekündigt. Neugierig warteten unzählige Menschen auf dieses Ereignis.

Ankunft des ersten Zuges

In einem Schulaufsatz beschreibt Resi Mehringer, 6. Jahrgang, die Ankunft des ersten Zuges in Vilshofen mit folgenden Worten: "Es ist der 18. Dezember 1910. Heute soll die Eisenbahn zum ersten Mal in Vilshofen ankommen. Von diesem großen Ereignis war schon lange die Rede. Erwartungsvoll steht die Menge und wartet auf ein Zeichen des nahenden Zuges. Plötzlich ertönt ein schriller Pfiff, einige Buben kommen aufgeregt angerannt und melden, dass der Zug gleich erscheinen werde. Tatsächlich sieht man schon eine Rauchsäule aufsteigen. Nun entsteht ein Gedränge und Geschiebe unter den wartenden Menschen. Jeder will den Zug zuerst sehen. Jetzt erscheint das schwarze Ungetüm! Die Leute stellen sich auf die Zehenspitzen und recken die Hälse. Schnaufend und fauchend schiebt sich die Lokomotive mit ihren Wagen heran. Aus den Fenstern winken lachende Kinder und Erwachsene. Die Lokomotive ist mit Blumen geschmückt, sogar der Schlot, aus dem schwarzer Rauch steigt. Die Fenster der Wagen sind mit Girlanden bekränzt. Der langsam heranfahrende Zug bleibt mit einem Ruck stehen. Das seltsame Gefährt, das sich aus eigener Kraft vorwärts bewegt, wird von allen Seiten bestaunt. Der Zug, den Lokführer Martin Lang bedient, setzt sich nun wieder in Bewegung. Die Kinder winken und sehen etwas enttäuscht den davonrollenden Wagen nach."

Personen und Waren

Dampflokomotiven mit ihren Personen- und Güterzügen schnaubten jetzt regelmäßig durchs Vilstal. Transportiert wurden Personen und Waren, auch Briefe und Pakete. Der Postillion und die Postkutschenfahrten mit Pferden erübrigten sich von nun an – mit Einstellung des Betriebes noch im Jahre 1910. Jetzt holte der örtliche Postbote Briefe und Pakete mit einer Schubkarre vom Bahnhof ab und verteilte sie im Dorf. An den Bahnhöfen wurde geladen und entladen. Die Eisenbahn transportierte Baustoffe, Maschinen, Vieh und landwirtschaftliche Produkte.

Soweit traf dies alles auch in Vilshofen zu, doch: Es gab kein Bahnhofsgebäude, keine Abfertigungshalle, keinen Unterstand. Mehrere Beschwerden bei der Königlich Bayerischen Staatseisenbahn blieben vergebens. Im “Amberger Volksblatt” vom 12. Dezember 1910 stand zu lesen: "Auch die Gemeinde Vilshofen hat das Recht, ein Stationsgebäude zu verlangen. Nach der Gemeinde Schmidmühlen hat Vilshofen die teuerste Zufahrtsstraße gebaut und zwar auf das ausdrückliche Versprechen, dass ein Bahnhof hierher kommt! Aufwand von 8000 Reichsmark! Und nun? Ein leerer Platz mit Gleisanlage und Tafel."

Proteste gegen die Ignoranz der Verantwortlichen kamen auch aus der Bevölkerung. In der Nacht stellten verärgerte Bürger provisorisch ein kleines Gebäude auf: Mit einigen Stangen, die mit Schnüren verbunden waren und mit einem Strohdach versehen, errichteten sie einen kleinen Unterstand – nicht zur Benützung geeignet, sondern viel mehr zum Hohn und Spott für Ehrengäste und Verantwortliche der Bahn. Als Abort hatten die Spaßvögel noch ein Fass mit entsprechender Öffnung im Sitzbrett hingestellt.

Als Alternative zu einem Bahnhofsgebäude erhalten die Vilshofener daraufhin recht bald einen ausrangierten Personenwaggon, erst einige Jahre später errichtete man eine Holzhütte. Auch ein Raiffeisen-Lagerhaus mit eigenem Gleisanschluss entstand auf dem Bahnhofsgelände, so konnte das von Landwirten angelieferte Getreide zwischengelagert werden. Von besonderer Bedeutung war die Holzverfrachtung – meist war es Grubenholz, welches für die Stollen der Bergwerke im Ruhrgebiet verladen wurde. Der Holzlagerplatz am Bahnhofsgelände blieb Jahrzehnte in Benutzung. Das Kalkdüngerwerk Vilshofen, 1920 gegründet und nur einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt, entwickelte sich zu einem gewinnbringenden Großkunden für die Betreiber der Bahn. Millionen von Tonnen an Kalkprodukten wurden von hier aus jahrzehntelang über die Schiene abtransportiert.

Ansehnliches Bahnhofsgebäude

Während das genannte Raiffeisenlagerhaus, jetzt leerstehend, dem Verfall preisgegeben war, entstand im Jahre 1957 endlich ein neues und ansehnliches Bahnhofsgebäude, ein Doppelbau. Die eine Hälfte diente als Abfertigungsraum, die zweite Hälfte war für die Lagerung von Stückgut vorgesehen. Doch auch dieses Gebäude wurde schon nach wenigen Jahren nicht mehr genutzt und stand lange leer. Der verstärkte Einsatz von Bahnbussen zu dieser Zeit führte im Jahre 1966 schließlich zur Einstellung des Personenverkehrs auf den Schienen der Vilstalbahn.

Die Haltestelle Vilshofen wurde vorübergehend zur Betriebsstelle abgestuft und diente ausschließlich der Abwicklung des Güterverkehres des Vilshofener Kalksteinwerkes, einem Betrieb des Sulzbach-Rosenberger Maxhütte-Konzerns. Nachdem 1985 die Strecke Vilshofen-Schmidmühlen stillgelegt wurde, kam drei Jahre später auch das Aus für den Kalksteintransport ab Vilshofen nach Amberg. Das Vilshofener Bahnhofsgebäude blieb ungenutzt und stand leer. Kinder und Jugendliche verbrachten ihre Freizeit hier, Büsche und Brennnessel wucherten um das Gebäude, leere Bierflaschen und Unrat sammelten sich an.

Zur Geschichte des Kalksteinwerks Vilshofen

Vilshofen bei Rieden

1988 begann der Abbau sowohl der Gleise der Bahnstrecke als auch der des verwahrlosten Stationsgebäudes. In den Jahren bis 1992 wurde die Bahnstrecke zu einem Radweg ausgebaut. Die Brücke an der Hammerbergstraße in Vilshofen, die einzige der Vilstalstrecke, die über die Bahngleise führte, wurde durch eine Röhre ersetzt.

Somit gehörten Bahnhof und Eisenbahn in Vilshofen einer vergangenen Epoche an. Heute erinnern lediglich die Bahnhofstraße durch den Ort und der Fünf-Flüsse-Radweg auf der Trasse der ehemaligen Vilstalbahn an die Zeit von damals.

Die alte Bahntrasse ist eine beliebte Fahrradstrecke

Theuern bei Kümmersbruck

Die alte Vilstalbahn-Strecke ist Teil des Fünf-Flüsse-Radwegs

Amberg

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