Weiden/Grafenwöhr. (ca) Es ist das erste von zwölf Plädoyers, die an den weiteren Verhandlungstagen folgen (1., 14., 20. September). Jeder Angeklagte hat inzwischen zwei Verteidiger, um das Verfahren zu sichern.
Der Überfall beschäftigt die 1. große Strafkammer unter Vorsitz von Richter Markus Fillinger seit Februar. Der Prozess ist auch für die Polizei eine Herausforderung: Jeder Tag wird von rund 20 Beamten aus Weiden und Amberg gesichert, die ihr Augenmerk vor allem auf den Hauptangeklagten legen, Viktor C. (41) aus der Ukraine. Am Dienstag, dem 22. Verhandlungstag, zeigt sich einmal mehr, warum das sinnvoll ist. Dem Ukrainer fliegt sein "Alibi" um die Ohren, das er im Juli in letzter Minute aus dem Hut gezaubert hatte.
Da hatte er erklärt, am Tag des Überfalls - 11. April 2016 - zwar in Prag am Steuer des Tatfahrzeugs gesessen zu haben. Davon gibt es ein Foto aus einer Tunnelkamera. Aber dann sei er noch in Prag ausgestiegen und ab 18.30 Uhr mit seinem ukrainischen Kumpel Milan J. bei "Kentucky Fried Chicken" eingekehrt, anschließend habe man bis 23 Uhr ein paar Bier getrunken.
Mitschnitte ausgewertet
Das Gericht ließ die Weidener Kripo nachermitteln. Mit bemerkenswertem Ergebnis. Die tschechischen Kollegen hatten den genannten Kumpel Milan im Herbst 2016 zufällig in anderer Sache abgehört.
Die Telefonmitschnitte gibt es noch. Und sie beweisen genau das Gegenteil: Die zwei Männer haben zwar telefoniert, sich am Abend der Tat aber nicht getroffen. Viktor bietet für 17.30 Uhr die Übergabe eines Autos am Wenzelsplatz an, aber nur kurz, weil er "los muss". Milan trifft sich um 18.30 und 20 Uhr mit ganz anderen Männer. Er lässt sich per Handy zum Treffpunkt lotsen. Gegen 23 Uhr beschwert sich auch noch seine Frau, weil er nachts nach Polen fährt, während daheim das Kind krank ist. Von wegen "Kentucky Fried Chicken".
Das angebliche Alibi gerät zum riesengroßen Eigentor. Als Viktor C. das am Dienstag erkennt, wird er in einer Sitzungspause laut. Er werde hier stellvertretend zum Sündenbock für andere Täter gemacht, ruft er ungehalten. Die Dolmetscherin übersetzt.
Die Richter haben auch eine Vermutung, wie es zu diesem plötzlichen Alibi-Versuch gekommen ist: Viktor C. hat sich in der JVA ein Handy besorgt und mit seiner Frau in Mukatschewe telefoniert. In der westukrainischen 80000-Einwohner-Stadt wohnt auch Freund Milan, gerade aus der Haft entlassen, inzwischen schon wieder per europäischem Haftbefehl gesucht. Die Kammer lehnt den Antrag ab, diesen Mann als Zeugen zu laden.
Aus Mukatschewe kommt auch der geständige Räuber Oleksandr M., der in Österreich wegen einer ähnlichen Tat inhaftiert ist. Er wurde im März vor dem Landgericht Weiden als Zeuge gehört. Er gestand den Überfall in Grafenwöhr, nannte aber keine Mittäter. Bei seiner Aussage kam es zu dem Zwischenfall, der auch die verstärkte Polizeipräsenz erklärt: Viktor C. fuhr sich mit dem Zeigefinger quer über die Kehle, als Oleksandr M. gefragt wurde, ob er Angst habe.
Das Gericht lehnte am Dienstag zudem eine ganze Latte weiterer Beweisanträge ab. Unter den mutmaßlichen Beihelfern ist ein Kleinkrieg entbrannt, wer letztlich dafür verantwortlich ist, dass die ukrainisch-moldauische Bande dachte, bei den ehemaligen Grafenwöhrer Wirtsleuten (Bar "Rio") ist Geld im Haus. Zwei aus Kasachstan stammende Männer (45 und 58) aus dem westlichen Landkreis sind wie "Hund und Katz" und bezichtigen sich gegenseitig.
Suizid nach Verhaftungen
Wahlweise wird die Schuld auch einem Toten in die Schuhe geschoben: ein gemeinsamer Freund aus Grafenwöhr, der sich im Oktober 2016 das Leben nahm, als die Verdächtigen nach und nach in Haft wanderten.
Auch dazu wurde am Dienstag ein Zeuge gehört. "Ich glaube, er hat sich umgebracht, weil er Angst hatte, von den anderen umgelegt oder selbst eingesperrt zu werden."
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