29.11.2021 - 15:12 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

So erlebt ein Weidener Intensivmediziner die vierte Corona-Welle

In den ersten drei Corona-Wellen war Dr. Kurt Hergeth Teamleiter in einer der am stärksten betroffenen Intensivstationen an einem kommunalen Krankenhaus. Jedes Mal war die Nordoberpfalz Hotspot. Jetzt steigen wieder die Infektionszahlen.

Behandlungsalltag auf einer Covid-Intensivstation im Weidener Klinikum
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Noch immer ist die Intensivstation 84 am Klinikum Weiden die Schwerpunkt-Intensivstation – so wie im Frühjahr 2020. Damals brach die Corona-Pandemie über die nördlichen Oberpfalz herein. Binnen Tagen füllte sich die Station mit Covid-19-Patienten. Der Landkreis Tirschenreuth ist im März 2020 ein Hotspot in Deutschland. Die Kliniken Nordoberpfalz mit ihren beiden Häusern Weiden und Tirschenreuth werden in weiten Teilen zu einem Corona-Krankenhaus.

Jetzt gibt es wieder dramatisch hohe Infektionszahlen. Zwar ist die nördliche Oberpfalz glücklicherweise kein bundesweiter Hotspot, aber die Zahlen sind so hoch wie nie zuvor in der Region. Krankenschwestern, Pfleger und Mediziner auf der Intensivstation 84 erleben ein Déjà-vu. "Dieses Bild der fast vollständig mit Covid-Patienten belegten Station erinnert uns sehr an die erste Welle", sagt Oberarzt Dr. Kurt Hergeth. Als der Leiter der Operativen Intensivstation 84 am Klinikum Weiden vergangene Woche die Fragen von Oberpfalz-Medien beantwortet, sind von den 19 Bettplätzen der Station 16 durch Covid-19-Patienten belegt. In den drei Wochen zuvor war die Zahl der Covid-19-Patienten stetig gestiegen. "Die Schwere der Erkrankung hat nicht nachgelassen", fügt der Anästhesist hinzu.

Hohe körperliche und mentale Belastung

Dreimal war die nördliche Oberpfalz eine der Hotspotregionen in Deutschland. Diese drei Wellen haben bei den Menschen, die auf der Intensivstation arbeiten, Spuren hinterlassen. Eingepackt mit Schutzbrille, FFP3-Maske, Haube, Kittel, Schutzanzug und Handschuhen versorgen die Frauen und Männer die Covid-19-Patienten. Manche werden ins künstliche Koma versetzt. Um die Atmung zu unterstützen, müssen einige zudem regelmäßig in die Bauchlage gedreht werden. Schwerstarbeit. Dazu kommt die mentale Belastung.

Neben der erschwerten Arbeit in Schutzkleidung und Isolationsboxen, nennt Dr. Hergeth die Gefahr für die eigene Gesundheit sowie die schrecklichen menschlichen Schicksale aus Grund für die Belastungen. "Wir mussten erleben, wie in Familien gleich mehrere Angehörige schwer erkrankten oder verstarben. Sie wurden vom Schicksal aus heiterem Himmel getroffen." Dies sei das Dramatische an dieser Pandemie. "Enkel verlieren die Großeltern im Kindesalter und nicht wie sonst erst als junge Erwachsene und Kinder ihre Eltern als Jugendliche und nicht in einem bereits gereiften Alter." Der Mediziner berichtet, dass gerade diese Erfahrungen oft die berechtigte Freude, viele Menschen gerettet zu haben, überschatte.

Keine Erholung zwischen den Corona-Wellen

"Eine eigentliche Erholungsphase zwischen den einzelnen Corona-Wellen haben wir nicht erlebt", sagt Dr. Hergeth. Ein Befund, der aus vielen Krankenhäusern in Deutschland zu hören ist. Gleichwohl sei aber die Motivation im Team aus Ärzten und Pflegekräften, die schwer erkrankten Covid-19-Patienten bestmöglich zu versorgen, ungebrochen. Deren Flexibilität und Kreativität beim Lösen von Problemen nennt Hergeth beeindruckend. "Ich persönlich bin sehr stolz darauf, in diesem Team zu arbeiten", sagt der Leiter der Intensivstation 84. Den Einsatz der Ärzte und Pflegekräfte bezeichnet er als ohne Übertreibung tapfer.

Alle würden sich gegenseitig stützen "in dem Vorsatz, nicht nachzulassen". "Ich glaube, dies wird uns gelingen", gibt sich Dr. Hergeth zuversichtlich. Zumal es Bemühungen gebe, das Intensivteam "mit personellen und organisatorischen Ressourcen" in seiner Leistungsfähigkeit zu unterstützen. Allerdings wirke sich die Ungewissheit bedrückend aus, "wie stark und wie lange anhaltend diese nun vierte Welle sein wird". Andererseits könnten Pflegekräfte und Ärzte inzwischen durch die Versorgung von mehr als 300 schwerkranken Covid-19 Patienten auf der Intensivstation auf "ein hohes Maß an Erfahrung und Sicherheit in der Therapie dieser Patienten" bauen.

Corona ist wie russisches Roulette

Der Oberarzt warnt, die Corona-Erkrankung zu unterschätzen. Im Vordergrund der Berichterstattung würde oft die schwere Lungenentzündung des Patienten stehen. Doch Covid-19 könne auch eine Reihe anderer sehr unangenehmer Krankheiten hervorrufen, berichtet Dr. Hergeth. Menschen im mittleren Lebensalter würden einen Schlaganfall erleiden. Die Folge: Eine schwere Behinderung. Junge Menschen verlören ihren Geruchs- und Geschmackssinn, ohne dass es die Sicherheit, dass sich beides irgendwann wieder normalisiert.

Die Krankheit sei wie ein russisches Roulette, sie könne oft erträglich verlaufen. "Wen es aber "erwischt" mit einer schweren Lungenentzündung, der befindet sich in einer Abwärtsspirale, die erst nach einer mehrwöchigen Intensivtherapie gestoppt werden kann – oder auch nicht", berichtet der Intensivmediziner. Trotz aller Forschung und Erkenntnisse über das Corona-Virus gebe noch kein Heilmittel. "Wir behandeln intensivmedizinisch die schweren Symptome und Komplikationen und wir verabreichen alle Medikamente, von denen wir wenigstens einen günstigen Einfluss auf die Erkrankung erwarten."

Impfung schützt, Kontaktbeschränkungen notwendig

Man müsse sich diese grausamen Facetten von Covid-19 und das völlige Ausgeliefertsein des Patienten gegenüber einem schweren Krankheitsverlauf vor Augen halten, sagt Dr. Hergeth. Dies sollte aus seiner Sicht eine Entscheidung für eine Impfung begünstigen. Und: "Die überwiegende Mehrheit der Patienten auf den Intensivstationen ist ungeimpft." Es gebe Impfdurchbrüche, aber die Hersteller der Impfstoffe hatten auch keine hundertprozentige Sicherheit versprochen. "Die Impfung ist wie eine Rüstung", sagt Dr. Hergeth. Auch mit ihr könne man in einem Kampf verletzt werden. "Aber niemand käme auf die Idee, ohne sie anzulegen, in den Krieg zu ziehen."

"Wir müssen uns zu aller erst eingestehen, dass wir die Pandemie noch nicht bewältigt haben", mahnt der Leiter der Intensivstation, auf die Frage, ob es noch gelingen könne, die vierte Welle zu brechen. Jede voreilige „Cleverness“ sei vom "unkontrollierbaren Charakter dieser Katastrophe bitter abgestraft worden". Und auf die Frage, was die Menschen in der Oberpfalz tun können, um Pflegekräfte und Ärzte im Krankenhaus zu unterstützen, verweist Dr. Hergeth auf die Notwendigkeit von Kontaktbeschränkungen. Ob diese politisch verordnet oder besser noch in eigener persönlicher Verantwortung realisiert werden, sei nicht entscheidend. Und der Mediziner wirbt für eine nochmalige Anhebung der Impfquote. Diese wäre eine entscheidende Hilfe. "Die Bewältigung der vierten Welle wird uns alle sehr viel Kraft kosten – im Krankenhaus, aber auch draußen", sagt Dr. Hergeth. "Ein Scheitern in diesem Bemühen wäre schrecklich."

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Corona-Patienten mit schweren Krankheitsverläufen müssen auf der Intensivstation Spezialgeräten behandelt werden.

"Dieses Bild der fast vollständig mit Covid-Patienten belegten Station erinnert uns sehr an die erste Welle."

Dr. Kurt Hergeth, Oberarzt und Leiter der Operativen Intensivstation 84 am Klinikum Weiden

Dr. Kurt Hergeth, Oberarzt und Leiter der Operativen Intensivstation 84 am Klinikum Weiden

 

 

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