20.08.2021 - 12:41 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Urteil im Flutkanal-Prozess: Zweimal lange Haft, einmal Bewährung

Mit zwei hohen und einer sehr niedrigen Strafe ist der Flutkanal-Prozess in Weiden vorerst zu Ende gegangen. Zufrieden ist nur eine Partei. Daher kochen die Emotionen nach dem Urteil hoch. Die nächste Runde ist auch schon eingeläutet.

Die angeklagte 22-Jährige spricht im Gerichtssaal mit ihren Anwälten. Sie muss ins Gefängnis.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Das Urteil im Prozess um den Tod von Moritz G. ist gefallen. Er war am 11. September 2020 betrunken in den Weidener Flutkanal gestürzt und ertrunken. Drei Kumpels, mit denen der 22-Jährige aus Sulzbach-Rosenberg vorher auf Zechtour in einer Shisha-Bar war, hätten das verhindern können, sagt das Schwurgericht Weiden unter dem Vorsitz von Gerhard Heindl.

Am Ende bekommt Moritz "bester Freund" Gerhard Z. (25), fünf Jahre und sechs Monate Haft, Ariane I. (22) genau ein Jahr weniger. Der Unterschied begründe sich damit, dass Z. und der Ertrunkene ein enges Verhältnis gehabt hätten, die weibliche Angeklagte ihn aber erst zweimal zuvor getroffen habe, so die Strafkammer.

Der Dritte im Bunde, Alex B. (alle Namen geändert), der Fahrer der Gruppe war, fällt am Ende seiner überglücklichen Mutter in die Arme. Er kommt mit sechs Monaten auf Bewährung davon. Da er bereits elf Monate in Untersuchungshaft sitzt, ist er ab sofort auf freiem Fuß und erhält für den Rest Haftentschädigung. In B.' s Fall erkennen die Richter keine Garantenstellung, also einen Beschützerauftrag im juristischen Sinne.

Eltern entsetzt

Während Heindl Details aus dem Prozess rekapituliert, verlässt Moritz' Freundin den Saal. Es ist zu viel für sie. Die Eltern des 22-Jährigen hören sich alles an. Trotz Masken ist ihnen anzusehen, wie sie mit Wut und Tränen ringen. Der Vater schaut immer wieder Gerhard Z. an, der äußerlich ungerührt geradeaus blickt. Oberstaatsanwalt Bernhard Voit geht nach dem Spruch zu dem Ehepaar hin, versucht ihm Mut zu machen, vergeblich. "Unser einziges Kind ist tot", schreien Vater und Mutter abwechselnd. "Und Sie trampeln auch noch auf ihm herum", schallt es in Richtung der Verteidiger.

Vor allem deren These, Moritz habe noch gelebt, als seine "Freunde" gefahren sind, er habe seinen Rausch ausgeschlafen und sei erst am nächsten Tag ertrunken, habe die Eltern schwer getroffen, sagt Nebenklagevertreter Rouven Colbatz. Er überlegt sich Revision. Die sechsmonatige Bewährung für Alex B. schmeckt ihm nicht.

Für die Gegenseite gibt's nichts mehr zu überlegen. Sie will die Sache in jedem Fall bei einer höheren Instanz neu aufrollen. "Der Vorwurf der fahrlässigen Herbeiführung des Todes ist durch den Prozessverlauf nicht gedeckt", sagt Burkhard Schulze, der Ariane I. verteidigt. Auch die Verurteilung wegen der Garantenstellung wollen er und seine Kollegen in einer Revision aus dem Weg räumen.

Die Richter haben diese Obhutspflicht so begründet: Z. und B. hätten Moritz aus der Shisha-Bar geführt und zum Parkhaus begleitet, wo B. im Auto gewartet habe, während die anderen getrunken haben. Dadurch sei erst die Gefahrensituation entstanden. Z. und B. seien am Flussufer gestanden und hätten "mit geringem Kraftaufwand" vereiteln können, dass Moritz ins Wasser fällt. Stattdessen entstanden zwei fiese Videos. B. hätte zwar auch Hilfe holen können, habe sich aber oberhalb auf dem Radweg aufgehalten und nachweislich eine Schulterverletzung gehabt. Daher nur unterlassene Hilfeleistung statt Aussetzung mit Todesfolge.

Richter- und Kollegenschelte

Zuvor hatte als letzter Verteidiger Jan Bockemühl aus Regensburg auf Freispruch plädiert - rhetorisch versiert, gleichwohl mit dem Vorschlaghammer. Er fühle sich in einem "Strafprozess nach Gutsherrenart" und zitierte dazu den italienischen Juristen Piero Calamandrei sinngemäß so: Ich habe Achtung vor Richtern, auch wenn sie geistig unterlegen sein sollten oder aus Hochmut nicht von ihrem Standpunkt abrücken.

Die Weidener Verteidigerkollegen kriegen gleich noch eine mit: Man dürfe ruhig auch vor dem Heimatgericht mal mehr Kante zeigen. Bevor Heindl die Sitzung schließt, nimmt er diesen Ball mit leiser Ironie auf. "Es sollten sich mal andere Leute überlegen, wer in diesem Verfahren Hochmut gezeigt hat."

Die Plädoyers der Anwälte sind gesprochen

Weiden in der Oberpfalz

Das Smartphone des Toten stand mehrmals im Mittelpunkt der Verhandlung

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Stationen im Prozess
Kommentar:

Recht und Moral

„Strafrecht ist von Moral befreit“, verkündete der überaus selbstbewusste Jan Bockemühl dem Schwurgericht Weiden. Das mag stimmen. Doch auch wenn der Flutkanal-Prozess Fragen offen lässt, wie die nach Bewegungsdaten im Handy des Toten oder einer Droge in seinem Körper, oder – am wichtigsten – warum die drei Begleiter ihrem Freund nicht geholfen haben, schwebt über allem die Moral.

Richter und Nebenklagevertreter bringen es auf den Punkt: In den entscheidenden Momenten am dunklen Kanalufer war ein cooles Handyvideo wichtiger als die rettende Hand. Die drei Angeklagten, die nicht dumm sind und aus soliden Elternhäusern kommen, sind jedoch heute keine Einzelfälle, auch wenn man nicht erst bei den Schlussworten etwas Reue hätte erwarten dürfen. Instagram vor Mitleid: Diese rohe Gleichgültigkeit zeigen Gaffer, die bei Unfällen filmen und Rettern im Weg stehen, täglich.

Friedrich Peterhans

 

 

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