Rechtsextremismus-Experte nach Halle: Gefahr auch in der Oberpfalz

Kann das auch bei uns passieren? Nach dem Terrorakten von Halle stellt sich zwangsläufig diese Frage. Die Antwort des Experten Jan Nowak ist wenig beruhigend.

Ein Mann mit einer Israel-Flagge trauert vor der Synagoge von Halle. Viel zu viele Menschen trauern jedoch nicht wegen des Vorfalls, sondern heißen ihn gut. Auch in der Oberpfalz leben solche Menschen
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Jan Nowak macht sich keine Illusionen: "So etwas kann überall und jeder Zeit passieren", sagt der Experte von der Mobilen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus des Bayerischen Jugendrings am Tag nach der Terrorattacke von Halle. Das gelte besonders bei dieser Art von Anschlag: Ein Täter, der sich im Netz radikalisiert, sich an Vorbildern wie dem Attentäter von Christchurch in Neuseeland orientiert. Solche Anschläge seien schwer vorherzusagen.

Wobei Nowak nicht daran glauben will, dass sich eine Einstellung, die in solche Taten mündet, alleine im Internet formt. "Es ist nicht sinnvoll, das Internet und die reale Welt so eindeutig zu trennen." Denn auch die Täter trennen nicht. Dem Attentäter von Halle dient zum Beispiel eine antisemitische Verschwörungstheorie als Erklärung für eine Welt, die er sich anders nicht erklären kann, interpretiert Nowak die Veröffentlichungen des Mannes im Netz. Diese Welterklärung lege er nicht ab, wenn er den Computer ausschaltet. Die Einstellung müsse deshalb auch zum Alltag passen.

Angst vor dem "Volkstod"

Ausdrücklich nimmt der Täter auf eine Verschwörungstheorie Bezug, die auch verschiedene Gruppen in der Oberpfalz bedienen: Die Vorstellung von einem geplanten Bevölkerungsaustausch durch die Flüchtlingsbewegung werde von der Identitären Bewegung, der Partei "Der dritte Weg" und auch von Teilen der AfD bedient. Vor allem im Landkreis Tirschenreuth kommen noch vergleichsweise lose organisierte Neonazi-Gruppen hinzu, die ebenfalls dieser Ideologie anhängen.

Diese Gruppen vertreten teils unterschiedliche Ansichten, unterscheiden sich in ihrer Einstellung zur Gewalt. Aber sie verbindet die Vorstellung von einem erzwungenen "Volkstod" oder "Bevölkerungsaustausch". "Damit liefern sie den Attentätern eine Rechtfertigung, verleihen ihren Taten Legitimität", sagt Nowak.

Schießtraining in Cheb

Inwieweit es in der Oberpfalz Gruppen gibt, die sich tatsächlich bewaffnen und auf einen möglichen "Tag X" vorbereiten, sei von außen schwer einzuschätzen. "Nahe liegend ist das aber schon." Bekannt sei, dass sich Nazi-Gruppen aus der Region immer wieder auf einer Anlage in Cheb (Eger) zum Schießtraining treffen. Dort sei es auch möglich, mit großkalibrigen Militärwaffen zu schießen. Der Schießplatz habe sich regelrecht auf Neonazis spezialisiert, eine angeschlossene Kneipe sei mit Nazi-Devotionalien dekoriert. Vor einigen Monaten sei dort zum Beispiel eine Gruppe beobachtet worden, die sich Division Bärnau (Landkreis Tirschenreuth) nennt. Ob die deutschen Neonazis solche Besuche als echtes Training oder "nur" als Freizeitvergnügen sehen, lasse sich als Außenstehender nicht beurteilen,

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Kommentare

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A. Schmigoner

Selbstverständlich sind auch in der Oberpfalz rechte Strukturen vorhanden, die ein ähnliches Massaker in der Region ermöglichen würden. Der Bayerische Innenminister Herrmann hat zutreffend darauf hingewiesen, dass die AfD mit ihrer aggresiven Wortwahl, die sich teilweise unverholen an die NS-Sprache anlehnt, eine Teilschuld an dieser Entwicklung trägt. Der Mörder von Halle benutzt ihre Argumente, er benutzt ihre Worte und ihre Erzählungen.

Nicht zustimmen kann man allerdings Wolfgang Würths heutigem Kommentar "Taten statt Worte: Antisemitismus ist eine Schande für unser Land". Hier möchte H. Würth allgemein die Politiker (nur Sonntagsreden…) verantwortlich machen für einige, fragwürdige Urteile der Justiz. Gibt es in Deutschland keine unabhängige Justiz, oder sollten Richter weisungsgebunden sein? Doch wohl kaum!
Anschließend verwechselt Würth das schwierige Verhältnis des Iran zu Israel, (Drohung mit Auslöschung) mit Antisemitismus. Ist Würth nicht bekannt, dass im Iran seit 597 v. Chr. (Eroberung Jerusalems und des Königreiches Judas durch den babylonischen König Nebukadnezar II.) eine der größten jüdischen Gemeinden im Nahen Osten besteht (außerhalb Israels). Daneben gibt es christliche, bahaiistische und zoroastrische Minderheiten. Die Aggressivität des Iran richtet sich folglich gegen das israelische Staatsgebilde, das 1948 auf arabischem Gebiet gegründet wurde und nicht gegen jüdische Einzelpersonen. Kritik verdienen beide Staaten: Iran für seine aggressive Rhetorik und Israel für seine aggressive Siedlungspolitik in den palästinensischen Gebieten.
Schließlich noch zu der im Kommentar aufgeworfenen Frage, ob wir nur noch Staatschefs mit militärischen Ehren empfangen sollten, die alle Menschenrechte einhalten? Dürfen wir dann noch türkische, chinesische, russische und amerikanische Präsidenten empfangen? Zur Türkei, Russland und China sind die Fakten bekannt. Im Fall der USA erinnere ich an amerikanische Foltergefängnisse (Abu-Ghuraib-Folterskandal) und Guantánamo, wo Häftlinge seit Jahren eingesperrt sind, ohne Anklage und ohne Urteil. Die Welt ist leider nicht so einfach, wie Wolfgang Würth sie in seinen Kommentaren darstellen möchte.

11.10.2019