31.07.2019 - 09:30 Uhr
AmbergOberpfalz

51:0-Rekord und eine gefühlte Ewigkeit

Das Ergebnis ist eines für die Rekordbücher. Als Aufsteiger in die Regionalliga besiegte der ERSC Amberg am 19. Oktober 1990 Kulmbach mit 51:0. Torhüter Hermann Eckl wird den Tag aber auch aus einem ganz anderen Grund nicht mehr vergessen.

Tor für den ERSC. Schon wieder. In dieser Szene gelingt Petr Lanik (Rückennummer 21) und Christian Stoklosa (17) ein weiterer Treffer. Insgesamt schießen die Amberger an diesem Abend 51 Tore - in 60 Minuten.
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Alles war perfekt angerichtet für ein großes Eishockeyfest. Der ERSC hatte sein in die Jahre gekommenes Stadion am Schanzl saniert und war zudem aus der Bayern- in die Regionalliga aufgestiegen, die 1990 die vierthöchste Liga war.

Der Spielplan wollte es so, dass zum Saisonauftakt, der gleichbedeutend mit der Stadioneinweihung war, mit dem Kulmbacher EC ein absoluter Meisterschaftsanwärter an die Vils kommt. Eishockey-Euphorie in der ganzen Stadt, ein ausverkauftes Stadion und hohe Erwartungen der Fans - aber auch Befürchtungen, die Kulmbacher Starstürmer Reinhold Altmann und Klaus-Peter Ritter könnten für die Amberger zu stark sein. ERSC-Torhüter Hermann Eckl erinnert sich: "Es war eine super Atmosphäre im Stadion, alles war neu und wir waren unheimlich stolz. Die Stadtspitze war da und alle Sponsoren. Dann noch so ein Gegner." Mit seinen 32 Jahren gehörte Eckl schon zu den älteren Spielern und versuchte, trotz aller Vorfreude und Motivation Ruhe auszustrahlen: "Ich war nie hypernervös und habe immer alles auf mich zukommen lassen."

Gänsehaut-Atmosphäre

So auch an diesem Abend: "Es wäre fatal für die Mannschaft, wenn sie merken würde, dass der Torwart nervös ist." Etwas war an diesem Tag dennoch anders. Weil sich im sanierten Stadion auch eine neue Licht- und Tonanlage befand, wollten die Verantwortlichen um Abteilungsleiter Herbert Fuchs, dass die Mannschaft nicht geschlossen vor das Publikum tritt, sondern jeder Spieler einzeln, begleitet von Scheinwerferlicht. Hermann Eckl erinnert sich, als ob es gestern gewesen wäre: "Alle hatten diese Sternchenwerfer an und bis auf den Lichtkegel am Eis war alles dunkel." Absolute Gänsehaut-Atmosphäre. Dann rief der Stadionsprecher laut in die Menge: "Für den ERSC im Tor mit der Nummer 22 - Hermann Eckl." Unterstützt von Tausenden mitschreienden Fans.

Hermann Eckl stand am 19. Oktober 1990 beim 51:0 gegen Kulmbach im Amberger Tor. Heute steht der 61-Jährige in seinem eigenen Eishockey-Laden, den er zusammen mit ERSC-Obmann Chris Spanger führt.

Allein an der blauen Linie

Der Torhüter erzählt, was danach geschah: "Dann fahre ich da raus aufs Eis und stell' mich an die blaue Linie, wie wir es ausgemacht hatten. Alle jubeln mir zu und schreien." Doch dann wurde es mucksmäuschenstill. Kein Stadionsprecher, der den nächsten Spieler ankündigte. Nichts. Kein einziger Ton. Auch nicht von den Fans. Was Hermann Eckl nicht wusste: Die neue Anlage wollte nicht so, wie sie sollte und hatte einen Aussetzer. "Ich stand dann da alleine auf dem Eis. Vor 3000 Leuten, die dich alle anstarren. Und der Scheinwerfer ist nur auf dich gerichtet. Ich habe mich gefragt: Mensch, wann endlich kommt da noch einer raus zu mir?" Gut dreieinhalb Minuten habe es gedauert, bis der Rest der Mannschaft um Jack Bowkus und Mike Morin aufs Eis flitzte und der Torwart nicht mehr alleine im Mittelpunkt stand. Für den heute 61-Jährigen war das damals eine gefühlte Ewigkeit.

Als die technischen Probleme behoben waren, pfiffen die Schiedsrichter das Spiel an. Erster Angriff für Amberg, erster Schuss, erstes Tor: 1:0. Als wenig später der zweite und dritte Treffer fielen, war Hermann Eckl klar: "Das ist nicht der Kulmbacher EC, den wir erwartet hatten." Kein Reinhold Altmann, kein Klaus-Peter Ritter und somit auch keine Gefahr für Hermann Eckl: "Zu 97 Prozent bin ich mir aus der Erinnerung heraus sicher, dass ich an dem Abend keinen einzigen Schuss auf mein Tor bekommen habe." Nach 20 Minuten führte Amberg 19:0, nach 40 Minuten 34:0, am Ende stand's 51:0. Die Kulmbacher waren mit einer Hobbymannschaft angetreten, da die Gehälter nicht mehr bezahlt werden konnten und der Verein im Prinzip pleite war.

Von den Stammspielern war nur Kapitän Hans Köber mit von der Partie, der Rest streikte und machte stattdessen Urlaub. Köber nach dem Spiel zur Amberger Zeitung: "Die anderen sind nach Ibiza geflogen. Wir haben die Maschine verpasst und sind halt nach Amberg gefahren."

Spiel nicht gewertet

Offiziellen Charakter bekam dieses 51:0 aber nie. Weil der Kulmbacher EC den Konkurs nicht mehr abwenden konnte und die Mannschaft abmeldete, entschied der Eishockeybund, das Spiel zu annullieren.

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