20.11.2020 - 15:21 Uhr
AmbergOberpfalz

Mord-Fall Kalweit: Kripo setzt letzte Hoffnung auf eine neue Spur

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Mehr als 40 Jahre ist es her, dass in Amberg die damals 38-jährige Gertrud Kalweit auf ihrem Heimweg von der Schicht in der Emailfabrik Baumann vergewaltigt und ermordet worden ist. Die Amberger Kripo ermittelt bis zum heutigen Tag.

Die Ermittler im Jahre 1980 gingen mit der gebotenen Sorgfalt und den damals vorhandenen technischen Mitteln an den Mordfall Gertrud Kalweit heran. Im Bild im Vordergrund: Oberstaatsanwalt Klaus Pfannschmidt (2. von rechts) und Hauptkommissar Josef Lettl.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Amberg, Donnerstag, 20. März 1980, kurz vor 23 Uhr. Die 38-jährige Arbeiterin Gertrud Kalweit steht bereits in der Schlange am Ausgang und hält ihre Stempelkarte in der Hand. Wenige Minuten später endet ihre Schicht in der Emailfabrik Baumann. Sie stempelt aus und geht gemeinsam mit einer Arbeitskollegin von der Fabrik aus durch die Bahnunterführung am Mariahilfbergweg in Richtung Kreisverkehr. Es hat noch einmal geschneit in dieser Nacht, die Stadt ist vom Schnee leicht überzuckert. Am Kreisel trennen sich die Wege der beiden Frauen. Gertrud Kalweit will über den oberen Dammweg des Stadtgrabens heim in ihre Wohnung am Kaiser-Wilhelm-Ring, wo sie mit ihrer Mutter, ihren beiden Kindern und dem Bruder lebt. Doch sie wird niemals dort ankommen.

Das Video zum Fall Kalweit

Amberg, Stadtgraben, Freitag, 21. März, gegen 6.30 Uhr. Der Hausmeister des Amberger Rathauses geht - wie so oft - mit seinem Dackel Xoby im Stadtgraben beim Nabburger Tor spazieren. An einem Gebüsch an der Zwingermauer schlägt der Hund plötzlich an und ist nicht mehr zu beruhigen. Der Hausmeister schaut nach und findet eine übel zugerichtete Leiche. Ihr Schädel ist eingeschlagen, so dass ihr Gesicht fast nicht mehr zu erkennen ist. Die Frau ist blutüberströmt, um den Hals ist ein Schal geschlungen. Strumpfhose und Unterhose sind hinuntergezogen. Um 6.50 Uhr alarmiert der Hausmeister die Polizei, ein Kriminalfall beginnt, der auch nach 40 Jahren kein Ende findet.

Hier gibt es mehr zur Gründung der Soko Stadtgraben

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Tochter des Opfers kommt zufällig vorbei

Noch wissen die ermittelnden Polizeibeamten nicht, wer die Unbekannte ist, deren Tod sie da vor Ort feststellen müssen. Sie starb entweder an den brutalen Schlägen mit einem Betonstück auf den Kopf, wurde mit ihrem eigenen Schal erdrosselt oder erlag den mit einem spitzen Gegenstand zugefügten Verletzungen in die Brust. Kurze Zeit später kennen die Beamten auch die Identität der Toten. Die Tochter von Gertrud Kalweit kommt auf der Suche nach ihrer Mutter zufällig am Tatort vorbei und identifiziert sie. Ein schlimmer Schock für das Mädchen.

Amberg, Mittwoch, 28. Oktober 2020, 10 Uhr, Polizeiinspektion. Die Kriminalhauptkommissare Birgit Fröhlich und Gerhard Tröster sowie Florian Beck, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz, schildern, was die 2018 gegründete Soko Stadtgraben alles unternommen hat, diesen Cold Case doch noch aufzuklären. Erster Kriminalhauptkommissar Gerhard Tröster, der Leiter des Kommissariats 1, geht bald in den Ruhestand. Wie seine Vorgänger seit 1980 wird auch er womöglich den Fall Kalweit als unerledigt hinterlassen müssen. Dabei hat die Soko noch einmal alle Fahndungs-Register gezogen, hat neueste Techniken zur Erkennung von DNA eingesetzt. Sie hat den Fall und die damit verbundenen Asservate noch einmal gründlichst unter die Lupe und das Mikroskop genommen.

Schnell gab es erste Hinweise

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63 neue Spuren aufgearbeitet

"Wir haben 63 neue Spuren aufgearbeitet, wir haben ein professionelles Profiling gemacht und wir haben eine bestimmte Personengruppe eingegrenzt", fasst Tröster die Arbeit der Soko zusammen. "Und möglicherweise kennen wir den Täter sogar beim Namen." Was fehlt, ist der letzte, der entscheidende Hinweis auf den Mörder. "Wir haben genügend Ansätze", sagt Birgit Fröhlich. Den Mörder von Traudl Kalweit hat die Amberger Kripo aber immer noch nicht. Aber eine Menge Spuren - und sie hat dank des Neuschnees in der Tatnacht auch einen sehr konkreten Tathergang.

Es muss gegen 23.10 Uhr gewesen sein an diesem 20. März 1980, als Gertrud Kalweit auf dem Dammweg kurz hinter dem Nabburger Tor auf ihren Mörder getroffen ist. "Es gab einen Kontakt, ein Ich-spreche-Dich-an", da ist sich Gerhard Tröster heute sicher. Der Unbekannte überwältigt die Frau und zerrt sie in den Stadtgraben hinunter, der zu dieser Jahreszeit im Winter nicht beleuchtet ist. Wichtig ist den Ermittlern heute: Gertrud Kalweit wurde nicht geschleift, wie lange angenommen. Sie ging auf ihren eigenen Beinen, war aber möglicherweise schon wegen eines Schlags auf den Kopf nicht mehr ganz bei Bewusstsein.

Mit großer Brutalität

Im Stadtgraben zerrt der Täter die 38-Jährige hinter eine Ligusterhecke, vergewaltigt und tötet sie. Dabei geht er mit äußerster Brutalität vor. Und es kann sein, dass die Frau bereits tot ist, als er sich an ihr vergeht. "Ein Profi war es auf keinen Fall", beurteilt Gerhard Tröster das Vorgehen des Mörders. Er schlägt Gertrud Kalweit den Schädel ein, stranguliert sie mit ihrem Schal und sticht mit einem spitzen Gegenstand immer wieder zu. "Er wollte sie töten, damit endlich dieses Röcheln der sterbenden Frau aufhört", vermutet Tröster. Eine Nachbarin will in dieser Nacht noch einen Schrei gehört haben, ob er aber mit der Tat in Verbindung steht, ist ungewiss.

Es gibt immer wieder neue Erkenntnisse

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Soko Kalweit sehr fleißig

Die Amberger Polizei ermittelt 1980 umfassend und mit der ihr damals zur Verfügung stehenden Technik. Es gibt eine zunächst vermeintliche Panne in der Rechtsmedizin, die Blutgruppe des Täters wird wohl falsch festgelegt. Schließlich steht sie fest: AB. Der Mörder von Traudl Kalweit muss diese relativ seltene Blutgruppe besitzen und gleichzeitig ein sogenannter Ausscheider sein, wie Birgit Fröhlich erläutert. Er gibt also über sein Sperma oder seinen Schweiß seine Blutgruppe nach außen ab. Die Ermittlungen liefen und laufen bis heute, es bleiben mindestens vier potenzielle Täter übrig:

Schon 2011 wurde noch einmal nach dem Mörder von Traudl Kalweit gefahndet

1. James W.:

Der US-Soldat galt und gilt vielen der ehemaligen Fahnder als der Mörder von Gertrud Kalweit. Der Mann meldet sich zunächst als Zeuge, will ein verdächtiges Geräusch, eine Art Zischen, im Stadtgraben gehört haben. Und eine Stimme, die gesagt habe: "Leave me alone, I'm fucking." Doch James W. verstrickt sich in Widersprüchen, wird vom Zeugen schließlich zum Hauptverdächtigen. Die Polizei findet ein Feuerzeug bei ihm, zu dem ein Deckel passt, den sie am Tatort gefunden hat. Und plötzlich ist er weg, von der US-Army überraschend aus Deutschland abgezogen. "Er war es", sagten die Alten. "Er hatte die falsche Blutgruppe", sagen Birgit Fröhlich und Gerhard Tröster. "James W. scheidet daher aus."

2. Der Mann aus dem Engelchen:

Gegen 23 Uhr verlässt am 20. März ein Mann die Gaststätte Engelchen in der Unteren Nabburger Straße. Kurze Zeit später kehrt er zurück, völlig aufgelöst, trinkt ein Glas Cola auf ex und ist nicht mehr ansprechbar. Ist er der Mörder von Traudl Kalweit? Der inzwischen verstorbene Mann scheidet aus, sagen die Fahnder heute. Auch her kommt nicht als Mörder infrage. Seine Nervosität dürfte wohl auf Drogenkonsum zurückzuführen sein.

3. Michael D. T.:

Der US-Soldat wird im Jahr 1985 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, weil er am 16. Juni 1984 bei Leidersdorf eine 60-Jährige vergewaltigt und umgebracht hat. Der Mann ging mit äußerster Brutalität vor, die Leiche war schwer misshandelt und lag exakt so da, wie vier Jahre vorher Gertrud Kalweit. T. verkehrte im Jahr 1980, als Gertrud Kalweit umgebracht wurde, in Rotlichtlokalen der Amberger Altstadt. Er hatte in der dem Tatort nahen Regensburger Straße eine Freundin und war wohl zur Tatzeit in diesem Bereich unterwegs. "Wenn Sie mich fragen: Das ist der Mörder von Gertrud Kalweit", sagt Gerhard Tröster. "Er wäre sogar der ideale Täter gewesen." Doch auch hier stimmen die Blutgruppen nicht überein. T. lebt nach seiner Haftentlassung heute wieder in den USA.

4. Der Texas Willi:

Der Mann mit dem General-Custer-Bart und dem auffälligen Jeep mit US-Flagge hat es bis heute nicht in die Top Ten der Kriminaler geschafft. Birgit Fröhlich und Gerhard Tröster sind sich sogar ziemlich sicher, dass es diesen Mann niemals gegeben hat. Er entspringt ihrer Meinung nach ausschließlich der Phantasie eines Zeugen, der sich Jahrzehnte nach der Tat nach der Ausstrahlung des Falles Kalweit im Boulevard-Fernsehen gemeldet hatte. Trotz mehrerer Fahndungsaufrufe fand sich vom Texas Willi keine Spur.

Der entscheidende Beweis fehlt

Gerhard Tröster hatte es gesagt: "Möglicherweise kennen wir den Täter beim Namen." Doch auch 40 Jahre nach dem grausamen Mord an Gertrud Kalweit fehlt der letzte Zeuge, der entscheidende Beweis. Aufgeben wollen die Mitglieder der inzwischen aufgelösten Soko Kalweit aber auf keinen Fall. Und sie haben noch ein paar zum Teil brandneue Erkenntnisse im Fahndungs-Köcher. Eine ganz heiße Spur zum Beispiel führt zu einer Ratschen-Verlängerung, die schon 1980 eine Rolle gespielt habt. Es ist aber nicht die einzige.

Die Ratschen-Verlängerung:

Das Werkzeug aus amerikanischer Produktion wird 1980 in unmittelbarer Nähe des Tatorts im frischen Schnee gefunden. Solche Werkzeuge setzt unter anderem die US-Army in ihren Panzern ein. Doch die Fahrzeuge wurden auch an die Bundeswehr verkauft – samt Bordwerkzeug. Mit neuesten Methoden konnte die Kripo nun eine bisher versteckte Gravur darauf finden. Eine Art Datum, so vermutet man: 9 Apr 1980 DJD. Erstaunlich ist: Dieses Datum liegt in der Zukunft nach dem Mord. Es könnte ein geplantes Hochzeitsdatum oder aber der Zeitpunkt der Entlassung aus der Army oder Bundeswehr sein. An anderer Stelle der Ratsche fand sich auch noch die Inschrift RAP oder RAF im Kreis. Auch hier ist nicht klar, was gemeint sein könnte. "Warum graviere ich etwas ein, das ich dann nicht mehr lesen kann?", fragt sich Birgit Fröhlich. Doch vielleicht erkennt jemand heute dieses Werkzeug wieder und kann Auskunft darüber geben, so hofft man bei der Kripo.

Die Stichwunden:

Mindestens drei verschiedene Arten von Stichwunden findet die Polizei in der Brust von Getrud Kalweit. Sie müssen aber alle mit einem einzigen Werkzeug zugefügt worden sei. Eine Art Stichel vielleicht, ein Dreikantschaber wie er beispielsweise in der Emailfabrik verwundet wurde, in der das Opfer arbeitete. Aber die Spur dorthin ist kalt. Möglicherweise hatte Gertrud Kalweit dieses Werkzeug aber auch selbst in der Tasche, als sie überfallen wurde. Und sie zog es noch, um den Täter abzuwehren, der es dann gegen sie verwendet hat.

Der Handabklatsch:

Schon 1980 nahmen die Kriminaltechniker einen sogenannten Handabklatsch des Opfers. Dabei wird mit Hilfe eines Klebebands das Material gesichert, das sich auf der Handinnenseite eines Opfers befindet. Gerhard Tröster ist sich sicher: Auch die DNA des Mörders ist hier zu finden. Oder besser gesagt: Sie war es. Denn tatsächlich ist es so, dass der Kleber des Bandes im Lauf der Jahre jede DNA zerstört. Diese Spur ist heute wertlos.

Misch-DNA auf dem Mantel:

Auch diese Spur konnte erst jetzt von der Soko Kalweit entdeckt werden. Auf dem Mantel, den Gertrud Kalweit getragen hat, finden sich unterschiedliche DNA-Spuren, die bis heute nicht zugeordnet werden konnten. Möglicherweise stammen sie aber auch von Polizeibeamten, die den Mantel im Zuge der Fahndung hochgehoben und dabei beim Sprechen ihre DNA darauf verteilt haben.

Soko Stadtgraben hat weitgehend Arbeit eingestellt.

Die Soko Stadtgraben hat inzwischen weitgehend ihre Arbeit eingestellt. Trotzdem haben KHK Birgit Fröhlich und Erster KHK Gerhard Tröster die Hoffnung noch nicht aufgeben, dass irgendein Zufall doch noch den entscheidenden Hinweis auf den Mörder von Gertrud Kalweit erbringt. Vielleicht sind die Aufschrift auf der Ratsche, die seltsamen Stichwunden oder eine bisher nicht gemeldete Beobachtung aus dieser kalten Märznacht des Jahres 1980 dieser letzte Schlüssel im Fall Kalweit. Wer den entscheidenden Hinweis bringt, kann immer noch mit einer Belohnung von 10 000 Euro rechnen (Polizeiinspektion Amberg 09621/890-0). Und damit könnte die Soko Stadtgraben nach 40 langen Jahren endgültig diesen bisher ungeklärten Mordfall zu den Akten legen.

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An dieser Stelle wurde Gertrud Kalweit am 20. März 1980 ermordet. Oberstaatsanwalt Klaus Pfannschmidt (links) und Hauptkommissar Josef Lettl ermitteln.

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