22.03.2021 - 12:10 Uhr
AmbergOberpfalz

Wechselvolle Geschichte: Storg, Kaufhaus Forum, Neue Münze bis zu den Drei Höfe

Das Ende des Konsumtempels wurde 2005 eingeläutet. Viele Jahre stand "der Storg" oder das Kaufhaus Forum in der Bahnhofstraße in Amberg leer. Viele Investoren suchten hier ihr Glück. Ein Dossier über die wechselvolle Geschichte aus 2018.

Blick auf den Innenhof der Drei Höfe, wie er sich ab Frühjahr 2023 präsentieren wird. Auf der rechten Seite zieht ein Restaurant mit 150 Plätzen ein, links entsteht ein Tagescafé mit 50 Plätzen. Im Hof selbst sollen noch einmal 100 Menschen essen und trinken können.
von Redaktion ONETZProfil

Die Autoren Andrea Mußemann, Stephanie Wilcke, Miriam Wittich und Andreas Ascherl im Januar 2018.

Seit Anfang 2005 steht das ehemalige Kaufhaus Forum bzw. Storg an der Bahnhofstraße 10 und 12 leer. Alles gab es dort zu kaufen: Lebensmittel, Schuhe, Nähgarn, Süßes. Beinahe jeder Amberger kann seine ganz eigene Geschichte oder Erinnerung zu diesem Konsumtempel vergangener Tage erzählen. Der Leerstand ist seit über zwölf Jahren auch wie ein Mahnmal veränderten Kaufverhaltens und der Geschichte des Warenhauses ganz generell in Deutschland zu verstehen – man denke nur an das bundesweite Ende von Hertie und Horten.

Das Storg-Areal bildet mit dem gegenüberliegenden ehemaligen Bürgerspitalgelände, das seit 2014 durch den Abriss der Gebäude brach liegt, eine Zahnlücke in dem ansonsten intakten Ensemble der Innenstadt von Amberg.

Seit der Forum-Pleite hustet der Einzelhandel. Zum Zeitpunkt der Insolvenz gab die Sparkasse kein gutes Bild ab, die Kommunalpolitik hätte sich stärker engagieren können, all das geben Kritiker zu bedenken. Was kann heute getan werden, um diese Wunde des Stadtbildes zu heilen? Wie kann der Storg bzw. das Forum wiederbelebt werden – vielleicht auch ohne, dass die historische Ansicht der Stadt zerstört wird?

Oberpfalz-Medien hat sich des komplexen Sachverhalts im Januar 2018, der sich über die vergangenen Jahre hinweg erstreckt, angenommen und im Archiv nach diesem Kapitel der Stadtgeschichte gesucht.

Die Bauarbeiten an den Drei Höfen haben begonnen

Amberg

So wird aus der Neuen Münze die Drei Höfe

Amberg

So werden die Drei Höfe aussehen

Historischer Hintergrund

Von Stephanie Wilcke

Gestern und heute: Unsere Fotomontage zeigt das damalige ERWEGE-Kaufhaus (links) Anfang der 1930er Jahre in der Bahnhofstraße. Es ist der Beginn der Warenhaus-Geschichte in Amberg. Seit 2015 steht das ehemalige Kaufhaus Storg und Forum leer.

Sowohl die Bahnhofsstraße 10, als auch die Hausnummer 12 (jener Bau, der laut der ursprünglichen Pläne abgerissen werden sollte) sind Einzeldenkmäler und als solche in der Liste des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege aufgezeichnet. Das dreieinhalbgeschossige Gebäude mit der Nummer 10 entstand nach einem Brand anstelle von zwei Häusern in den Jahren 1708/09. Der kurfürstliche Regierungsrat Johann Kilian Benjamin Freiherr von Armknecht war 1723 Eigentümer des Palais‘ geworden. Unter Kurfürst Maximilian III. Joseph ging der Bau 1762 in dessen Besitz über. Es war der Beginn der staatlichen Münzstätte an dieser Stelle. Der Name „Neue Münze“ leitet sich demnach aus dieser Zeit ab. In dieser Zeit wurde das Areal baulich erweitert und verändert. Das Erscheinungsbild einer Art Dreiflügelbaus ist heute noch zu sehen.

Im späten 18. Jahrhundert importierte das bayerische Heer überwiegend seine Waffen aus Österreich und den Niederlanden. Daher ließ König Maximilian I. Joseph 1801 die einzige bayerische Gewehrmanufaktur von Fortschau nach Amberg umziehen. Seit 1793 war die Münze leergestanden. Die Fabrikation von Gewehren florierte an diesem Standort, so dass aus Platzgründen in den Jahren 1859 bis 1861 vier benachbarte Bürgerhäuser angekauft wurden, um die Gewehrherstellung auszuweiten. In diesem Zuge entstand der Bau der heutigen Bahnhofsstraße 12. Die Fabrik erreichte erneut ihre Auslastungsgrenzen zu Beginn der 1870er Jahre. Doch Platz, um in der Altstadt von Amberg zu erweitern, gab es nicht. Die seit 1820 für die Gewehrfabrik zuständige Militärverwaltung entschloss sich zur Verlegung des Betriebs vor das Nabburger Tor – also außerhalb der historischen Innenstadt auf das Gelände, auf dem heute die Firma Deprag steht.

1931 – der Beginn der Kaufhaus-Geschichte in Amberg

1878 standen demnach die Bauten der Bahnhofsstraße 10 und 12 erneut leer. Die Militärverwaltung nutzte die Immobilie weiterhin als Wohnraum für Staatsbedienstete.

Bis 1931 blieb der Besitz im Eigentum Bayerns. Als der Staat die Immobilie an den Privatmann Georg Frauendorfer verkaufte, nahm die lange Geschichte des ersten Warenhauses in Amberg seinen Lauf: Denn dieser verpachtete das Erdgeschoss an die „Einkaufsgenossenschaft Rheinisch-Westfälischer Geschäftshäuser“ (ERWEGE). Der jüdische Gesellschafter Siegfried Hirsch machte daraus ein Kaufhaus für Textilien und Lebensmittel. In dieser Zeit veränderte sich die Fassade des Baus: Einige Fenster im Erdgeschoss wurden in große Schaufenster umgewandelt.

1936 übernahm wegen nationalsozialistischer Hetze und Boykottaufrufen, die sich gegen Hirsch richteten, Heinrich Storg Senior die Geschäftsführung des Warenhauses. Nach dem Zweiten Weltkrieg, im Jahr 1953, kaufte Heinrich Storg Senior die Immobilie von den Erben Frauendorfers. In den 50er und 60er Jahren erfolgten einige Veränderungen und Vergrößerungen an dem Gebäude – auch der Abbruch der Rückfront. Alles zum Ziel der Erweiterung von Verkaufsflächen. (Quelle: Stadtheimatpflegerin Beate Wolters)

Heinrich Storg.

Das Kaufhaus Storg blühte über die Jahrzehnte. 1993 hatte das Unternehmen Filialen in Ansbach, Bad Windsheim, Dachau, Eichstätt, Frechen, Greiz, Hirschau, Kempten, Kitzingen, Ratingen, Selb, Sulzbach-Rosenberg und Uffenheim. Doch der Absturz folgte am 11. Januar 2000 mit dem von Heinrich Storg gezeichneten Insolvenzantrag.

Bald war wirklich "Schlussverkauf": Wer hätte gedacht im Jahr 1999 noch ein Schnäppchen im Kaufhaus zu machen, ehe es 2000 in die Insolvenz ging?

Darin hieß es wörtlich: „Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die vergangenen fünf Jahre im deutschen Einzelhandel die schwersten nach dem Zweiten Weltkrieg waren. Die Kaufkraft hat sich nicht weiterentwickeln können, der Konsumanteil der Bevölkerung geht seit Jahren zurück und der Wettlauf um den Kunden verschärfte sich derart, dass die Kluft zwischen den mittelständischen Einzelhändlern und den Großunternehmern größer als je zuvor ist.“ Die Unternehmensgruppe war in eine drastische finanzielle Schieflage geraten. Geld von der Sparkasse blieb aus - Heinrich Storg hatte sein Imperium verloren.

Storg meldet Insolvenz an: Über Jahre hinweg blüht das Geschäft, doch im Januar 2000 folgt der Absturz: Heinrich Storg muss Insolvenzantrag stellen. Die Unternehmensgruppe war in eine drastische Schieflage geraten. (Im Bild: Heiner Storgs Büro)

Treutler übernimmt Storg

Im Mai 2000 übernahm der ehemalige Storg-Geschäftsführer Hans-Joachim Treutler das Kaufhaus. Wenige Wochen später firmierte das Warenhaus unter dem Namen Kaufhaus Forum – das Geschäft hatte sich in die Gebäude Bahnhofsstraße 10 und 12 eingemietet. Noch immer war Heinrich Storg Eigentümer der Immobilie, doch das Areal war großzügig beliehen. Die örtliche Sparkasse hatte faktisch die Hände darauf. Nach zwei Versteigerungsterminen war immer noch kein Käufer für das Anwesen gefunden worden.

Hans-Joachim Treutler.

Dann trat der Investor Projektas aus Höchstadt auf die Bühne: 27 Millionen Euro wollten die Franken in den Umbau des Areals stecken, und noch immer an der Idee eines Kaufhauses festhalten. Zusätzlich ging es um Praxen und Büros im Obergeschoss. Auch damals fürchtete das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege, dass durch die Erweiterung von Verkaufsflächen historische Substanz verlorengeht. Es erteilte den Plänen daher eine Absage. Bereits Anfang der 2000er Jahre sind eine mögliche Tiefgarage, eine mögliche Verbindung zum ehemaligen Bürgerspitalgelände sowie ein überdachter Innenhof überlegt worden. Die Umbaupläne sorgten bei den Beschäftigten drei Jahre nach der Storg-Insolvenz für Ängste um den Arbeitsplatz.

Welcher Amberger kennt sie nicht? Die Wühltische mit Schnäppchen beim Kaufhaus Storg.

Auch ein dritter Versteigerungstermin beim Amtsgericht Amberg im Januar 2004 blieb schließlich ohne Ergebnis. In der Zwischenzeit ging auch dem ehemaligen Retter des Kaufhauses Storg und Kaufhaus-Forum-Betreiber, Hans-Joachim Treutler, die (finanzielle) Puste aus. Er meldete im Mai 2004 Insolvenz an. Das Kaufhaus Forum sei jedoch nicht zahlungsunfähig, sondern nur überschuldet, ließ damals Insolvenzverwalter Ekkehard Winkler verlauten.

Trauriger Tiefpunkt: Im Januar 2005 schließt das Kaufhaus Forum in Amberg seine Türen.

Die Sparkasse wollte das Zukunftskonzept von Treutler nicht mittragen. Wieder waren die Gründe der Insolvenz „extrem rückläufige Entwicklungen im Einzelhandel und flächendeckende Rabattschlachten“, wie Treutler damals einsehen musste. Die Verluste hätten die Eigenmittel letztlich aufgezehrt. Der traurige Tiefpunkt folgte am 31. Januar 2005, als das Kaufhaus Forum endgültig seine Türen schloss.

Von Reichholf zur Gewerbebau

Bei einem vierten Versteigerungstermin im Dezember 2005 erhielt schließlich Manfred Reichholf, Geschäftsführer von RMI-Immobilien aus Pfarrkirchen, den Zuschlag für die Storg-Immobilien. 2,2 Millionen Euro bot er – ein Bruchteil des ehemaligen Verkehrswerts. Er trat mit Plänen eines sogenannten Shop-in-shop-Konzepts an. Doch es folgte die Rolle-Rückwärts: Nichts wurde es aus der Neueröffnung. Probleme mit dem Brandschutz – und hinter vorgehaltener Hand: fehlende Mieter – ließen Reichholf dazu bewegen, den Gebäudekomplex wieder verkaufen zu wollen. Jahrelang blieb das Gebäude leer. Kurzzeitig tat sich dann aber im Herbst 2012 etwas: Der SPD-Stadtrat Dieter Amann nahm Kontakt zu einem „renommierten, bundesweit tätigen Objektentwickler“ (Amberger Zeitung vom 8. Oktober 2012) auf, der ernsthaftes Interesse an der Immobilie gezeigt hatte.

Allerdings forderte er dafür die Errichtung einer öffentlichen Tiefgarage auf dem Gelände des ehemaligen Bürgerspitals, um den Kunden ausreichend Parkmöglichkeiten bieten zu können. Der Entwickler plante ein Shop-in-Shop-Konzept, einen Lebensmittelladen und ein Restaurant sowie eine Dachterrasse. Diese Forderungen gerieten zum kommunalpolitischen Zankapfel. Im Mai 2013 zog sich schließlich der Hamburger Investor zurück. Es sollte ohne eine Tiefgarage kein Engagement der Norddeutschen in Amberg geben.

Im Oktober 2017 organisiert die Gewerbebau einen Infotag für alle Interessierten der Neuen Münze.

Im März 2015 stieg schließlich die Gewerbebau – eine Tochterfirma der Stadt Amberg – in die „Entwicklung der Forum-Immobilie“ ein, wie es damals hieß. Dann wurde Reichholf das ehemalige Forum im Februar 2016 doch los - mehr als zehn Jahre nach dem Kauf des Denkmals: Als Investor und Bauherr übernahm die Gewerbebau mit Geschäftsführer Karl-Heinz Brandelik die vollständige Entwicklung des Leerstands. Ursprünglich wollte die Gewerbebau hier ebenfalls den niederländischen Investor Ten Brinke mit ins Boot zu holen, der gegenüber auf dem ehemaligen Bürgerspitalgelände tätig ist. Dazu gab es zum Teil heftig umstrittene Planungen zur Neuen Münze von den Stuttgarter Architekten aus dem Büro Wittfoht.

Plan der Wittfoht-Architekten aus Stuttgart zur Neuen Münze in Amberg.

Mitte 2018 kristallisierte sich dann doch eine andere Lösung heraus. Nachdem das Landesamt für Denkmalpflege und die Regierung der Oberpfalz ihren Widerstand gegen die teilweisen Abrisspläne an dieser Stelle signalisiert hatten, fiel nun die Entscheidung, die Gewerbebau solle das Objekt unter Einhaltung der Denkmalbelange um den inzwischen vorhandenen Ankermieter herum entwickeln. Laut Oberbürgermeister Michael Cerny ist das die beste Lösung zur Wiederbelebung dieser einst sehr begehrten Geschäftslage.

2017: Auf dem Höhepunkt der Streitigkeiten zwischen Denkmalpflegern und Befürwortern

Die Befreiung von Altlasten

Von Andrea Mußemann

Für jeden Hausbesitzer ein Alptraum: Asbest. Für den damaligen Käufer der Storg-Immobilie, Manfred Reichholf, waren die Funde der Auftakt für jahrelange juristische Auseinandersetzungen um das Gebäude in der Bahnhofstraße. Für die Amberger bedeutete es den Anfang vom Ende eines dort geplanten City-Centers durch den Investor RMI Immobilien aus dem niederbayerischen Pfarrkirchen. Wo eigentlich schon Bauzäune standen und Handwerker die ersten Umbauten vornahmen, herrschte plötzlich Baustopp – ein Rückblick in die Geschichte.

Das Grundstück, auf dem das Kaufhaus stand, misst etwa 3500 Quadratmeter. Noch im Jahr 2002 wurden unter dem Namen „Forum“ Lebensmittel, Fernseher, Reißverschlüsse, Miederwaren oder warme Mahlzeiten auf fast 9000 Quadratmetern verkauft. Es gab, was das Konsumherz begehrte. Das Gebäude schien auf einem aktuellen Stand zu sein. 1979 bis 1981 war es vollständig renoviert worden. Der Zahn der Zeit nagte trotzdem daran. Deshalb wurden auch bei der ersten Zwangsversteigerung mögliche Käufer auf Mängel am Putz hingewiesen. Erwähnt wurde aus dem Gutachten die aufsteigende Feuchtigkeit im Keller und die ungenügende Wärmedämmung des Dachs sowie die Tatsache, dass die Auflagen des Denkmalschutzes größere Veränderungen vor allem an der Fassade unmöglich machen.

Im Oktober 2006 entdecken Bauarbeiter in der Storg- bzw. Forum-Immobilie Asbest.

Doch die „Hiobsbotschaft“, wie es der spätere Käufer Manfred Reichholf von RMI Immobilien aus Pfarrkirchen im Mai 2006 formulierte, steckte im Brandschutz. Zu 90 Prozent entsprachen die Decken nicht der geforderten Qualität. „Baurechtlich nicht zulässig“, urteilte der Besitzer, „in dem Zustand hätte das Kaufhaus nicht betrieben werden dürfen.“ Und er wunderte sich, warum dies bei der grundlegenden Sanierung vor Jahrzehnten niemandem aufgefallen war.

„Fehlerhaftes“ Gutachten

Doch es kam noch vernichtender: Im Oktober 2006 entdeckten die Bauarbeiter in der Storg-Immobilie Asbest. Das wurde offensichtlich in den 80er Jahren verbaut. Reichholf stellte einen Beweissicherungs-Antrag, um herauszufinden, wer für die durch den Asbestfund entstandenen Verzögerungen zur Verantwortung zu ziehen ist. Im Januar 2007 warf er schließlich der Landesgewerbeanstalt (LGA) vor, die Kontamination des früheren Storg-Komplexes nicht in dem Umfang erkannt zu haben, wie erforderlich gewesen wäre. Im Juli 2007 übten der Investor und sein Bruder und Projektleiter Christian Reichholf erneut Kritik an den Sachverständigen und lasteten ihnen ein „fehlerhaftes“ Gutachten an.

Der Streit mündete in juristischen Auseinandersetzungen und schließlich nach mehreren Jahren in einem Vergleich zwischen Reichholfs Firma RMI Immobilien GmbH und der Landesgewerbeanstalt. Der Investor erhielt 2010 für das fehlerhafte Gutachten eine Entschädigung von 2,7 Millionen Euro.

Währenddessen passierte im und um das Gebäude nichts mehr. Politiker und Bürger ärgerten sich über die lange Zeit des Stillstands. Die Umsetzung eines City-Centers hielten die meisten mittlerweile für illusorisch, nicht zuletzt weil auch die letzten Mietinteressenten abgesprungen waren. 2011 verhandelte Reichholf zum ersten Mal mit der Gewerbebau. Er wollte die Immobilie loswerden. Eine Einigung über den Kaufpreis gab es zunächst nicht. Dieser Zustand sollte noch weitere vier Jahre andauern.

Für vier Millionen Euro wechselte das Gemäuer 2015 den Besitzer. Neue Eigentümerin wurde die städtische Tochter Gewerbebau GmbH. Nach Auskunft von Geschäftsführer Karlheinz Brandelik im Januar 2018 gilt das Anwesen in der Bahnhofstraße als nahezu frei von Altlasten.

Der Komplex Denkmalschutz

Von Stephanie Wilcke

Blick ins Bildarchiv: Diese Aufnahme des Kaufhauses Storg dürfte aus den 1960er Jahren stammen.

Es war der Dreh- und Angelpunkt der öffentlichen Diskussionen um die Neue Münze: der Denkmalschutz. Schließlich sahen die Pläne der Gewerbebau und des Architekten einen massiven Eingriff in die historische Bausubstanz vor.

Die Bahnhofstraße 10 stammt aus der Zeit 1708/09, die Hausnummer 12 zwischen 1859 und 1861. Doch in der langen Geschichte der beiden Einzeldenkmäler, die auch als solche in der Liste des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege notiert sind, wurde viel umgebaut und verändert. Natürlich – schließlich spiegeln sich in den Bauten knapp 75 Jahre Kaufhaus-Historie wider. Es war eine Diskussion entbrannt, wie wertvoll jene Restbestände sind. Die Frage lautete: Abriss oder unter allen Umständen erhalten?

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs kauft Storg die Immobilie von Frauendorfs Erben ab. In den 50er und 60er Jahren folgen umfangreiche Umbaumaßnahmen in beiden Gebäuden. (Bild stammt von 1953)

Denkmalamt sagt nein

Beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege sahen die Fachleute die Planungen der Stadt für den Abriss des Kaufhauses Forum mehr als kritisch: „Das Denkmal Bahnhofstraße 10 bis 12 ist die ehemalige kurfürstliche Münze, im 19. Jahrhundert wurde das Gebäude als staatliche Gewehrmanufaktur genutzt“, erklärt Susanne Fischer, Leiterin der Abteilung Bau- und Kunstdenkmalpflege.

Das Denkmal sei Teil des Ensembles „Altstadt Amberg“, welches von besonders hoher Bedeutung sei. Die Amberger Altstadt sei sogar auf der sogenannten Haager Liste geführt. Dort sind Denkmäler registriert, die im Fall bewaffneter Konflikte unter einem Sonderschutz stehen. „Es gehört zu den bedeutendsten Altstadtensembles im Freistaat Bayern“, betont Fischer. Mit den Plänen für die Neue Münze konnte sich die Abteilungsleiterin in keinster Weise anfreunden. „Die Gebäude, die der Bauherr plant abzubrechen, sollen durch Neubauten ersetzt werden, die deutlich höher wären, als der Bestand. Die geplante Bebauung würde die Umgebungsbebauung deutlich überragen.“ Dies werde dem Ensemble nicht gerecht. Zudem handele es sich bei diesem Areal um ein Bodendenkmal. „Mit welchem Umfang und mit welcher Qualität an Befunden hier zu rechnen ist, zeigen die Ausgrabungen im benachbarten Bürgerspital-Areal.“

Zweifellos bestehe in der Bahnhofstraße Handlungsbedarf, eine Planung dieser Art sei aus Sicht des Landesamtes aber nicht zustimmungsfähig. „Es ist immer noch möglich, eine mit den Denkmalbehörden abgestimmte Planung zu entwickeln und Fördermöglichkeiten auszuloten.“

Was war konkret geplant?

Doch was sollte überhaupt erhalten, was abgerissen werden? Nach den Plänen der Gewerbebau wäre das Gebäude Bahnhofstraße 12 völlig verschwunden, einschließlich der Fassade zur Innenstadt hin. Das umfasste auch die Fassade des östlichen Flügels, die vom Innenhof her, zu sehen ist. Ebenfalls sollten beim Ein- und Durchgang in den Innenhof nur mehr Säulen stehen bleiben. Die neuzeitlichen Gebäude zum Münzgäßchen hin sollten außerdem weichen.

Die Gründe für die radikalen architektonischen Maßnahme hatte die Gewerbebau Amberg in zahlreichen Infoveranstaltungen und öffentlichen Diskussionen den Bürgern und Kritikern erklärt. „Wir müssen von Innen nach Außen denken“, erklärte Geschäftsführer Karlheinz Brandelik. „So wie das Storg-Areal nun ist, lässt es sich innen nicht mehr nutzen.“ Als Stichworte für die Umbau- und Abrisspläne nennt er den Brandschutz, die Deckenhöhe, Statik sowie die Fluchtwege-Problematik. „Da wir da sowieso massiv eingreifen müssen, stellt sich die Frage: Lässt man die Fassade dann stehen oder nicht?“

Die östliche Fassade im Innenhof (im Bild rechts) sei schon mehrfach teileingerissen worden, sagt Gewerbebauchef Brandelik. Das Erdgeschoss wurde bei der letzten großen Umbaumaßnahme 1981 komplett erneuert. "Das ist kein historisch wertvolles Bauteil mehr.“ (Ansicht von 2009)

Man habe sorgfältig die Angelegenheit geprüft. „Die östliche Fassade im Innenhof ist schon mehrfach teileingerissen worden. Das Erdgeschoss wurde bei der letzten großen Umbaumaßnahme 1981 komplett erneuert. Das ist kein historisch wertvolles Bauteil mehr.“ In der Abwägung sei man dann zu dem Schluss gekommen: „Warum soll es außen nicht modern sein, wenn es innen auch modern sein muss?“ Im Übrigen habe das Landesamt für Denkmalpflege 1979 dem großen Umbau, damals noch unter dem Besitzer Heinrich Storg senior, zugestimmt. Nun habe man exemplarisch Löcher in der Fassade des Erdgeschosses zum Innenhof hin geöffnet. „Darunter ist Beton und Styropor.“

Ende des Jahres 2016 wurde Restaurator Johann Geitner beauftragt, eine sogenannte Bestandssondierung der beiden Gebäude anzufertigen. Mit Hilfe der Dendrochronologie (Datierungsmöglichkeit von verwendeten Holzbalken) und der Untersuchung verschiedener Putze bestimmte er einzelne Gebäudeteile. Er kommt zu dem Schluss, dass die östliche Außenwand der Hausnummer 10 (neben dem Optiker-Geschäft) aus dem Jahre 1625/29 stammt. Es ist die ursprüngliche Mauer eines Vorgängerbaus – und somit die älteste und sichtbare Mauer des Gebäudes, beschreibt der Experte. Der historische Bestand erstrecke sich über die gesamte Höhe vom Untergeschoss bis zum zweiten Stock.

Was dann 1762/65 folgt, ist die Entstehung der beiden langen Flügel, die den noch heute zu sehenden Innenhof bilden. Der westliche Flügel ist nach Angaben Geitners „noch weitestgehend im Originalzustand erhalten“, am östlichen Flügel „erfolgten massive Umbauten und die Erweiterung des zweiten Obergeschosses um 1950 über die gesamte Länge des ersten Obergeschosses“.

Bei einem großen Eingriff um 1979/81 wurde dann, so Geitner, vermutlich die Substanz der Barockzeit im Erdgeschoss zum Innenhof hin zurückgebaut und mit neuen, zeitgemäßen Material (Beton, Styropor) „nach historischem Vorbild“ verändert. Im ersten Stock fände sich allerdings an der Innenwand der Fassade wieder der historische Mauermörtel aus der Erbauungszeit wieder. „Es deutet daraufhin, dass sich die Umbauten 1979/81 zwar über die ganze äußere Fassade des Ostflügels erstreckten“, nicht aber im Innenbereich – dort eben nur über die Fläche des Erdgeschosses. Zwischen Erdgeschoss und erstem Stock ließe sich noch Bestand aus der Erbauungszeit 1762/65 nachweisen, beschreibt der Restaurator. Die darüberliegenden Gebäudedecken wurden großteils betoniert.

Das nächste wichtige Datum ist 1859/60: In dieser Zeit entstand die bekannte Fassade der Hausnummer 12, die zur Bahnhofstraße zeigt. Große Eingriffe in das Erscheinungsbild erfolgten 1931 mit dem Einbau der Schaufenster, etwa 1950, als das Gebäude durch einen zweiten Stock ergänzt wurde, und 1979/80 mit dem erneuten Einbau von neuen Fenstern.

Auch wenn teilweise modernes Material wie Beton bei Umbaumaßnahmen im Erdgeschoss eingesetzt wurde, „so sind die Struktur und das Aussehen der beiden Einzeldenkmäler immer noch historisch“, erklärt Ambergs Stadtheimatpflegerin Beate Wolters. „Ich hänge nicht an jedem Steinchen, doch der Abriss der Hausnummer 12 und der massive Eingriff in das Nebengebäude bedeutet für Amberg den Verlust von Stadtgeschichte.“

Die Wirkung der Altstadt baue sich auf dem Ensemble vieler einzelner Gebäude auf. „Dazu gehören auch die beiden Gebäude, in denen immerhin Bayerns einzige Gewehrfabrik einmal untergebracht war.“ Sie forderte Kompromisse einzugehen, anstatt komplett abzureißen. „Es soll nicht erst geopfert und dann erst überlegt werden, wie das Areal genutzt werden kann.“ Ihr Wunsch ist es, dass hinter einer historischen Fassade etwas Modernes entsteht. „Neues und altes können eine wunderbare Verbindung eingehen.“

Ein interessanter Aspekt am Rande: Schon 2008 berichtete die Amberger Zeitung von der Vision eines Experten für Einkaufszentren und gebürtigen Ambergers: Helmut Koprian schlug vor, die denkmalgeschützte Fassade in eine attraktive Glashülle zu packen. Außerdem träumte er von einem Passagensystem zur Oberen und Unteren Nabburger Straße.

Zeitstrahl: 1708 bis August 2018

Und die jüngere Vergangenheit?

Es ist ein Paukenschlag, der im April 2019 durch Ambergs Altstadt donnert. Der Ankermieter, den Stadt und Gewerbebau für das seit 14 Jahren leerstehende Kaufhaus an der Bahnhofstraße am Haken hatten, ist weg. Es ist die Unternehmensgruppe Frey aus Cham, die auf Nachfrage der AZ offen Auskunft gibt über ihren Rückzug von Ambergs wohl wichtigstem Projekt in der Altstadt. Geschäftsleiter Helmut Hagner bestätigt die Veränderung ohne Zögern und nennt als Hauptgrund den neuen Standort, für den sich das Familienunternehmen mit seinen Mode- und Möbelhäusern entschieden habe. In Bad Kötzting hat es offiziell zum 1. März 2019 das seit rund 40 Jahren bestehende Bekleidungshaus Wanninger übernommen.

Wiederbelebung gestaltet sich schwierig

Amberg

Dann geht es dennoch weiter für Ambergs wohl wichtigsten Leerstand innerhalb des Altstadt-Ei. Es findet sich eine Nutzung für das ehemalige Kaufhaus - des privaten Amberger Bauträgers Bauart GmbH. Die Pläne jetzt werden immer konkreter.

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