26.06.2020 - 18:55 Uhr
GrafenwöhrOberpfalz

Grafenwöhr: Es begann mit der Artillerie - vor 110 Jahren

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Bevor die bayerische Artillerie vor 110 Jahren zum ersten Mal feuerte, verloren viele Menschen ihre Heimat. Heute ist der Truppenübungsplatz Grafenwöhr zur Heimat für viele Amerikaner geworden - und es sollen mehr kommen. Falls die Pläne Bestand haben.

Fallschirmjäger der 173. US-Luftlandebrigade laden auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr 105-Millimeter-Granaten in ihr Geschütz vom Typ M119A3.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Für Generationen deutscher Wehrpflichtiger ist der Truppenübungsplatz Grafenwöhr (Kreis Neustadt/WN) in der Erinnerung entweder mit Staub oder mit Schlamm und Nässe verbunden. Mit beidem haben auch die Soldaten der US-Artilleriebrigade schon Bekanntschaft gemacht, die seit Anfang des Jahres regelmäßig ihre Mehrfachraketenwerfer abfeuern.

Die Männer und Frauen der 41st Field Artillery Brigade haben erst Ende des Jahres 2018 begonnen in die "Tower Barracks" einzuziehen, wie die Amerikaner die Kaserne in Grafenwöhr wegen des Wasserturms nennen. Sie setzen damit eine Tradition fort, die zu Zeiten des Königreichs Bayern ihren Anfang nahm. Mehr als 200 Menschen mussten weichen, als von 1907 bis 1910 ein Schießplatz für die bayerische Artillerie einrichtet wurde.

Vor 110 Jahren, am 30. Juni 1910, feuerte der Kanonier Michael Kugler den ersten Schuss ab. Das Datum gilt als Geburtsstunde des Truppenübungsplatzes. Vor zehn Jahren stellten Deutsche und Amerikaner den Schuss nach. Die "Tower Barracks" öffneten sich für Besucher. Unter anderem mit einen "Großen Zapfenstreich" der Bundeswehr sowie Auftritten von "Pop nach Acht" und der "Lt. Dan Band" von Schauspieler Gary Sinise wurden 100 Jahre Übungsplatz und der US-Unabhängigkeitstag gefeiert.

Übung mit russischen Soldaten

In diesem Jahr macht die Corona-Pandemie allen einen Strich durch die Rechnung. Also erinnert die US-Armee nur online an den Jahrestag, mit Bildern und kurzen Texten zur Geschichte des Truppenübungsplatzes. Darunter eine Homage an den "King of Rock 'n' Roll". Private Elvis Presley übte zwei Mal in Grafenwöhr, 1958 und 1960.

Seit die US-Armee 1945 den Platz übernommen hat, haben sich amerikanische Soldaten hier auf den Krieg vorbereitet, in der Hoffnung, nie in den Krieg ziehen zu müssen. Das gilt auch für die Bundeswehr, die seit ihrer Aufstellung ebenfalls Grafenwöhr nutzt.

Es kam nie zum Krieg zwischen West und Ost - und sechs Jahre nach den Fall des "Eisernen Vorhangs" übten erstmals russische Soldaten an der Seite der Amerikaner in Grafenwöhr. Die einstigen Erzfeinde Arm in Arm. Die Szenen, die es bei "Torgau 2005" zu sehen gab, scheinen heute wie aus einer anderen Welt. Längst wird in Grafenwöhr und auf dem Übungsplatz Hohenfels (Kreis Neumarkt) wieder die Bündnisverteidigung geübt, nicht mehr nur von US-Armee und Bundeswehr, sondern von allen Nato-Armeen. Die Amerikaner geben den Takt vor.

Brigadegeneral Christopher R. Norrie, Kommandeur des 7. US-Armee-Trainingskommandos, lobt, der Truppenübungsplatz sorge bis heute für die "Einsatzbereitschaft von US- und Nato-Truppen in Europa". Genauso wichtig ist es ihm aber, an die gewachsenen Freundschaften zu erinnern. In den vergangenen Jahrzehnten habe es einen bemerkenswerten Austausch von Freundschaft und Kultur gegeben. Das sei nur möglich geworden, durch "die warmherzige Aufnahme durch die bayerischen Gastgeber".

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Grafenwöhr

Weltklasse-Freundschaften

Norrie spricht von den Tausenden amerikanischen Soldaten und Zivilisten sowie deren Familien, die das Privileg haben, hier stationiert zu sein und die positive Erinnerungen an Deutschland mit nach Hause nehmen. "Wir haben in Grafenwöhr nicht nur Weltklasse-Soldaten und -Einheiten ausgebildet, sondern auch Weltklasse-Freundschaften und Verbindungen zwischen unseren Nationen geschaffen."

"Wir leben hier nicht nebeneinander, sondern miteinander, was den Amerikanern genauso guttut wie auch Grafenwöhr als weltoffene Kleinstadt mit internationalem Flair", sagt Edgar Knobloch, Bürgermeister von Grafenwöhr. Seine Stadt ist durch den Übungsplatz von knapp 1000 im Jahr 1910 auf heute rund 6400 Einwohner gewachsen. Mehr als 660 Millionen Euro fließen von den Amerikanern in die Region. Knobloch spricht vom "Motor und Taktgeber". Martin Schertl, Bürgermeister in Vilseck, von der "Lebensader der Stadt".

Beide leben seit ihrer Kindheit in nächster Nachbarschaft der Amerikaner. Sie erinnern sich an typisch amerikanische Süßigkeiten wie Eis, Hershey's Schokolade oder Peanutbutter. Und natürlich an die US-Musik. "Wir hatten sie schon", sagt Knobloch, "bevor sie schließlich Monate später hier auf den Markt kam." Die Freundschaften jenseits des Militärs haben unter anderem dazu geführt, dass US-Soldaten in Oberpfälzer Sportmannschaften mitspielen oder Mitglied der örtlichen Feuerwehr sind. Umso schmerzlicher traf es die Menschen in der Region, wenn einer ihrer amerikanischen Nachbarn in den Kriegen im Irak oder in Afghanistan gefallen war. Heute erinnern Denkmäler in Grafenwöhr an die Opfer der inzwischen aufgelösten 172. US-Infanteriebrigade und in den "Rose Barracks" in Vilseck (Kreis Amberg Sulzbach) an die Gefallenen der inzwischen abgezogenen 3. Brigade der 1. US-Infanteriedivision sowie des 2. US-Kavallerieregiments.

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Grafenwöhr
Bei ihrem Besuch am 23. September 2019 im Pentagon überreichte Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer ihrem US-Amtskollegen Mark T. Esper eine Karte des Truppenübungsplatzes Grafenwöhr. Esper kennt Grafenwöhr aus seiner Zeit als Soldat.

Buch zu Grafenwöhr im Pentagon

Einer, der im Irak kämpfte, ist der amerikanische Verteidigungsminister Mark T. Esper. Mit der 101. Luftlandedivision nahm er in den Jahren 1990 bis 91 am Golfkrieg teil. Später in seiner zehnjährigen Militärzeit diente Esper in der 173. US-Luftlandebrigade im italienischen Vicenza, mit der er in Grafenwöhr übte. Vor zwei Jahren, noch als Heeresminister, besuchte der die US-Armee in der Oberpfalz. Er wollte sich aus erster Hand über die US-Abschreckungsstrategie und die künftigen Anforderungen sowie die Truppenkapazitäten informieren.

An Grafenwöhr erinnert Esper auch das Buch "Truppenübungsplatz Grafenwöhr, Gestern - Heute" von Gerald Morgenstern und eine Karte des Truppenübungsplatzes. Beides hatte Bundesverteidigungsminister Annegret Kramp-Karrenbauer bei ihrem ersten Besuch im Pentagon im September Esper als Gastgeschenke mitgebracht. Über die US-Truppen in Deutschland sprach der Pentagon-Chef an diesem Freitag auch mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Zum Ergebnis gab es keine Angaben.

Neues Bataillon erwartet

Zuletzt war US-Außenminister Mike Pompeo in Grafenwöhr und Vilseck. Er besuchte im November das 2. US-Kavallerieregiment, in dem er in den 1980er Jahren an der Grenze diente - von Bindlach bei Bayreuth aus. Als Teil der neuen Grenzwacht der Nato wird im September ein weiteres Artilleriebataillon in Grafenwöhr aufgestellt. Dann ist die 41. US-Artilleriebrigade komplett. Sie schließt aus US-Sicht eine Fähigkeitslücke. Der Verband ist Teil des Verteidigungsplans der Nato, auf den sich alle Mitglieder verständigt haben.

Feier in Grafenwöhr

Grafenwöhr
Oberst Thomas Hough, Kommandeur des 2. US-Kavallerieregiments, führt US-Außenminister Mike Pompeo in Vilseck in den „Order of the Dragoon“ ein.

Video der US-Armee zu Grafenwöhr

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