16.06.2020 - 18:35 Uhr
GrafenwöhrOberpfalz

Grafenwöhrs Zukunft verschwindet im Pulverdampf

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In Washington tobt bereits der Vorwahlkampf. Dabei wird auch über die Zukunft der US-Truppen in Deutschland gerungen. Ausbaden müssen das die Menschen hierzulande - US-Soldaten und Deutsche.

Soldaten bewegen sich bei einer Übung auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr im Schutz des Rauches auf ihr Ziel zu. Im Nebel liegen derzeit auch die Einzelheiten eines möglichen US-Truppenabzugs aus Deutschland. Alle Stellen verweisen auf das Weiße Haus und damit US-Präsident Donald Trump.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Der Weg vom Tor 3 in die amerikanische Garnison Grafenwöhr (Kreis Neustadt/WN) führt einen kleinen Berg hinauf, vorbei an Verwaltungsgebäuden und Depots. Oben angekommen liegt links an der Straße die Baustelle der neuen Grundschule. Ein Projekt der seit mehr als einem Jahrzehnt laufenden Modernisierung des US-Armee-Standortes. Und: Ein Grund, warum sich amerikanische Soldaten und Zivilisten in der Oberpfalz so wohlfühlen. Sie schätzen die Lebensqualität am Standort und die Oberpfälzer Nachbarschaft.

Doch das spielt im Weißen Haus und im politischen Tauziehen in Washington keine Rolle. Nur die wirtschaftlichen Vorteile die US-Garnisonen, den umliegenden deutschen Kreisen bringen, spricht US-Präsident Donald Trump am späten Montagabend an, als er seine Abzugspläne verkündet. Als Teil der Bestrafung für Deutschland, als die er den Abzug von annähernd 10 000 US-Soldaten anpreist.

US-Ausgaben in der Region

Grafenwöhr

Verweis aufs Weißes Haus

Wer bei amerikanischen Stellen in Europa nachfragt, wie weit die Planungen gediehen sind, wo und welche Truppen abgezogen werden sollen, wird seit mehr als einer Woche an das Weiße Haus, an den Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats, John Ullyot, verwiesen. Nach den ersten Berichten in US-Medien über den geplanten Abzug sagte dieser vor einer Woche noch, dass es dazu keine Ankündigung gebe. Trump überprüfe aber ständig den Einsatz von US-Soldaten im Ausland. "Die Vereinigten Staaten sind weiterhin entschlossen, mit unserem engen Verbündeten Deutschland zusammenzuarbeiten", fügte Ullyot damals hinzu. Nun ist klar: Die Entscheidung ist gefallen - Trump hat diese selbst öffentlich verkündet.

Maximal 25 000 US-Soldaten sollen künftig in Deutschland bleiben. Derzeit sind es laut eine Aufstellung des US-Verteidigungsministerium von Ende März mehr als 34 000 US-Soldaten. Von den rund 20 700 Heeressoldaten sind etwa 15 000 in der Oberpfalz zu Hause. Zudem sind in Deutschland rund 12 900 Männer und Frauen der US-Luftwaffe sowie rund 440 Angehörige des Marine Corps und 460 der Marine stationiert. Dazu kommen rund 11 700 US-Zivilangestellte. Es waren schon einmal weniger. Im Jahr 2014, als Russland die Krim annektierte, waren rund 30 000 US-Soldaten in Deutschland stationiert.

Ein früherer Pentagon-Mitarbeiter hat der "New York Times" gesagt, der Abzug der 9500 Soldaten werde unter anderem ein F-16-Geschwader und Unterstützungsverbände umfassen. Das könnte das 480th Fighter Squadron in Spangdahlem (Rheinland-Pfalz) treffen. Der Verband hat rund 30 Kampfflugzeuge vom Typ "F-16" und umfasst rund 5000 Luftwaffensoldaten und Zivilangestellte. Der größte Unterstützungsverband in Europa ist die 16th Sustainment Brigade in Baumholder (Rheinland-Pfalz). Teile des rund 2500 Soldaten umfassenden Verbandes sind zudem in Kaiserslautern, in Grafenwöhr und im italienischen Vicenza stationiert.

Wohin mit Soldaten und Familien?

Zusammen ergibt das rund 7500 Soldaten, die etwa nach Polen und damit näher an die Ostflanke der Nato, verlegt werden könnten. Zumal beide Verbände ohnehin meist dort operieren. Für die Soldaten wäre sicher Platz, aber was ist mit den Familien? Der frühere Oberbefehlshaber des US-Heeres, der pensionierte Generalleutnant Frederick "Ben" Hodges, sagte: "Ich wundere mich, wohin sie all diese Truppen und die Familien schicken wollen?"

Weder in Polen, noch in Bulgarien oder Rumänien, Länder die schon vor mehr als zehn Jahren als Ziele von US-Truppenverlegungen genannt worden waren, gibt es eine entsprechende Infrastruktur. Alles müsste erst gebaut werden: Häuser, Wohnungen, Freizeiteinrichtungen wie Fitness-Center sowie Schulen. Knapp 29 Millionen Euro sind etwa für die Grundschule in Grafenwöhr veranschlagt. Bei einer Verlegung in die USA müssten Kasernen aufwendig modernisiert werden. Keine Überraschung, dass die US-Botschafterin bei der Nato, Kay Bailey Hutchison, am Dienstag sagte, die Umsetzung eines Abzugsplanes brauche Zeit. Vor dem Abzug zweier US-Brigaden in den Jahren 2012 und 2013 war gut zehn Jahre diskutiert und gerungen worden.

Ex-Oberbefehlshaber des US-Heeres in Europa zu den Abzugsplänen

Grafenwöhr

Esper diente in Vicenza

Bleibt Vicenza. Im Jahr 2012 war diskutiert worden, die Fallschirmjäger aus Bamberg und Schweinfurt in die US-Basis in Italien zu verlegen. Nachdem die 172. US-Infanteriebrigade aus Grafenwöhr abgezogen worden war, landeten die Fallschirmjäger in der Oberpfalz. Sie gehören heute zur 173. US-Luftlandebrigade im italienischen Vicenza, dem Verband bei dem auch US-Verteidigungsminister Mark Esper als Soldat Dienst tat. Möglich, dass er die Fallschirmjäger aus Grafenwöhr dorthin schickt. Sicherlich hat der Verband in ihm einen Fürsprecher, das gilt auch für Grafenwöhr, wo er als Soldat mehrfach übte.

Noch ein US-Verband in der Oberpfalz hat einen Fürsprecher in der US-Regierung, das 2. US-Kavallerieregiment in Vilseck (Kreis Amberg-Sulzbach). Während des Kalten Krieges war der amerikanische Außenminister Mike Pompeo in Bindlach stationiert. Woran er im Herbst bei einem Besuch mit Freunden in Grafenwöhr und Vilseck erinnerte.

Noch tappen aber alle im Dunkel; Bayerische Staatsregierung, die Regierung von Rheinland-Pfalz und die Bundesregierung. "Wir haben keine genaueren oder detaillierten Informationen darüber, wann, wie, wo, was umgesetzt werden soll", sagte Bundesaußenminister Heiko Mass (SPD) am Dienstag in Warschau. Weder im Außenministerium noch im Pentagon seien Informationen zu erhalten gewesen. "Insofern warten wir ab, was die amerikanische Seite dort zu tun gedenkt."

Nachdem noch keine Einzelheiten zu konkreten Schritten bekannt gegeben wurden, sind auch die möglichen Auswirkungen auf Standorte in Bayern noch nicht absehbar.

Boris Niklas, Sprecher der bayerischen Staatskanzlei

Manöver in Polen

In Grafenwöhr steht die Einweihung der Grundschule an. Und sie wird genutzt werden. Denn das 7. US-Armee Trainingskommando in Grafenwöhr dient der Ausbildung von US-Truppen und Nato-Soldaten, vor allem aus Osteuropa. Darauf wollen die USA nicht verzichten. Derzeit. Wenige Stunden bevor die Nachricht vom geplanten Abzug bekannt wurde, hatte das US-Kommando über das jüngste Manöver informiert. "Allied Spirit" läuft in Polen, geplant wurde es in Grafenwöhr.

Start des Manövers "Defender Europe" in Polen

Grafenwöhr
Ein polnischer Soldat leitet US-Schützenpanzer vom Typ Bradley über eine Befehlsbrücke während des Manövers "Allied Spirit" auf dem Truppenübungsplatz Drawsko Pomorskie in Polen.
 

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