07.06.2020 - 17:56 Uhr
GrafenwöhrOberpfalz

Der kolossale Fehler der Regierung Trump

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Amerikanische Soldaten lieben Bayern und die Oberpfalz. Aber nicht nur wegen der Liebe zu Deutschland schütteln hochrangige Ex-Generäle den Kopf über den geplanten Truppenabzug.

Generalleutnant Frederick „Ben“ Hodges unterhält sich mit Soldaten der 3. US-Infanteriedivision. Die Männer und Frauen nahmen am Militärwettbewerb „Strong Europe Tank Challenge (SETC)“ im Mai 2016 teil. Dass damals die Soldaten vom Gebirgspanzerbataillon 8 aus Pfreimd gewannen nahm Hodges sportlich.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Die US-Truppenübungsplätze in der Oberpfalz waren die Orte, an denen Generalleutnant Frederick "Ben" Hodges transatlantische Partnerschaften schmiedete. In Grafenwöhr (Kreis Neustadt/WN) und Hohenfels (Kreis Neumarkt) brachte er in seiner Zeit als Oberbefehlshaber des US-Heeres in Europa amerikanische Soldaten mit ihren europäischen Kameraden zusammen. Sei Ziel: den Zusammenhalt stärken.

Um so vernichtender fällt jetzt sein Urteil über die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump aus, die US-Truppen in Deutschland zu reduzieren: "Ich glaube das ist ein kolossaler Fehler", sagt er zu Oberpfalz-Medien. Hodges, langjähriger Verfechter der transatlantischen Partnerschaft, warnt, dass der Schritt den "Zusammenhalt in der Nato ernsthaft unterhöhlen werde". Dies werde dazu führen, dass sich viele Verbündete und mögliche Gegner fragen, inwiefern die USA Europa noch verpflichtet sind.

Keine strategische Entscheidung

Hodges hat in seiner aktiven Zeit öffentlich einen größeren deutschen Beitrag zur Bündnisverteidigung eingefordert, nicht immer zur Freude des Verteidigungsministeriums in Berlin. Dort runzelte so mancher die Stirn über den US-Generalleutnant. Rückblickend dürfte heute mancher anders denken.

"Die Zurückhaltung einiger europäischer Länder, einen angemessenen Beitrag zur allgemeinen Verteidigung zu leisten, ist für diesen Präsidenten eine Entschuldigung", sagt Hodges, der heute Inhaber des "Pershing Chair in Stragetic Studies" am "Center for European Policy Analysis" (CEPA) in der amerikanischen Hauptstadt Washington ist, aber in Europa lebt. Die Abzugsentscheidung Trumps ist für Hodges eine rein "politische", der keinerlei strategische Überlegungen zugrunde liegen. Dem sei auch kein normaler Abstimmungsprozess zwischen den Ministerien und Führungsstäben vorausgegangen, wozu ein Abwägen der Vorteile und Nachteile sowie der Kosten gehört.

Interview mit Grafenwöhrer Bürgermeister

Grafenwöhr

Diese Entscheidung sei direkt vom Präsidenten, über den Nationalen Sicherheitsrat an den Verteidigungsminister gegangen, schreibt das "Wall Street Journal". Der frühere amerikanische Botschafter in Berlin, Richard Grenell, habe Trump ermutig. "Einer der größten Gegner, die Truppen nach Hause zu bringen, war Mattis. Er kämpfte hart für den Status quo", twitterte Grenell, der sein Amt am 1. Juni abgegeben hat, am Samstag und stellt den Abzug als Erfüllung von Wahlkampfversprechen dar.

James Mattis, der frühere US-Verteidigungsminister, ist bei Trump in Ungnade gefallen, weil er diesem vorgeworfen hat, das USA zu spalten. Grenell hatte schon im September 2019 eine Abzug der US-Truppen aus Deutschland, ins Spiel gebracht. Bereits vor zwei Jahren, Anfang Juli 2018 wurde bekannt, dass Trump einen Abzug von US-Truppen prüfen ließ.

Schon im Jahr 2018 Debatte über Abzug

Vilseck

Dass Fragen der europäischen Sicherheit kaum eine Rolle in den Überlegungen zwischen dem Weißem Haus und dem Pentagon spielen, zeigt auch, dass Verteidigungsminister Mark Esper Hunderte Millionen Dollar, die zur Stärkung der Nato-Abschreckung in den osteuropäischen Ländern vorgesehen waren für den Bau der US-Grenzmauer zu Mexiko umleitet. Das war vergangenes Jahr so und ist auch in diesem Jahr wieder geplant.

Ende März waren laut einer Aufstellung des US-Verteidigungsministerium mehr als 34 000 US-Soldaten in Deutschland stationiert. Von den rund 20 700 Heeressoldaten sind etwa 15 000 in Bayern zu Hause sind. Zudem sind hierzulande rund 12 900 Männer und Frauen der US-Luftwaffe sowie rund 440 Angehörige des Marine Corps und 460 der Marine stationiert. Dazu kommen rund 11 700 US-Zivilangestellte. Ein früherer Pentagon-Mitarbeiter sagt der "New York Times" der Abzug der 9500 Soldaten werde unter anderem ein F-16-Geschwader und Unterstützungsverbände umfassen. Ob und welche anderen Verbände betroffen sein könnten ist bislang nicht bekannt.

Geschenk an den Kreml

Hogdes lässt keinen Zweifel daran, dass einen Abzug den amerikanischen Interessen schadet. "Der Kreml habe nichts getan, um sich ein Geschenk wie dieses zu verdienen." Er bekäme eine Verringerung der US-Militärkapazitäten "um 28 Prozent, die ein Kernbestand der Nato-Abschreckung waren". Auch Mark P. Hertling, der frühere Kommandeur des 7. US-Armee Trainingskommanodos in Grafenwöhr und später ebenfalls Oberbefehlshaber des US-Heeres in Europa spricht von einem Geschenk an Russland. "Gefährlich und kurzsichtig" nennt er den geplanten Abzug auf Twitter. Beide setzen auf den amerikanischen Kongress, dass er alles stoppt.

Kommentar zum geplanten Abzug

Grafenwöhr
Hintergrund:

US-Ausgaben in der Region

Die US-Garnison Bavaria mit ihren Oberpfälzer Standorten Grafenwöhr (Kreis Neustadt/WN), Vilseck (Kreis Amberg-Sulzbach) und Hohenfels (Kreis Neumarkt) sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Region. Für das US-Haushaltsjahr 2018 beziffert die US-Armee den „Economic Input“ auf 660,8 Millionen Euro. Darunter rechnet die US-Garnison Löhne und Gehälter, Mietzahlungen, Aufträge an deutsche Firmen, private Ausgaben der US-Soldaten und ihrer Familien sowie der zivilen US-Angestellten, Ausgaben für Investitionen und den Unterhalt der Truppenübungsplätze und der Einrichtungen. Es sind Ausgaben, die sich in unterschiedlicher Höhe in allen umliegenden Landkreisen auswirken. In der Oberpfalz beschäftigt die US-Armee mehr als 3000 deutsche Mitarbeiter. Insgesamt leben rund 15 000 Soldaten in der Region. Mit Angehörigen und US-Zivilangestellten dürften es gut 40 000 Amerikaner sein. (paa)

Vier Mehrfachraketenwerfer vom Typ M270A1, Multiple Launch Rocket System (MLRS) des 1st Battalion, 6th Field Artillery Regiment feuern bei einem Übungsschießen auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr ihre Raketen ab.

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