10.07.2020 - 12:21 Uhr
KulmbachOberpfalz

Schöner Wohnen für Wildbienen

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Viele Wildbienenarten sind vom Aussterben bedroht, weil ihnen die Nistmöglichkeiten fehlen. Wer sie unterstützen möchte, baut den Tieren Hotels und tut damit auch Gutes für die Obsternte. Denn die Wildbienen helfen fleißig mit bei der Bestäubung.

Eine Sandbiene hat sich auf der Blüte des Sonnenhuts niedergelassen.
von Christa VoglProfil

Vor über 30 Jahren machte Günter Reif zum ersten Mal Bekanntschaft mit einer Wildbiene. Damals wollte er die Blumen im Garten gießen und musste feststellen, dass eine Spritzdüse seines Wasserschlauchs im wahrsten Sinne des Wortes "zugebaut" war. Verstopft. Quasi von einem Tag auf den anderen. Mit einem Nagel kratzte er den erdigen Deckel weg - dahinter kam ein Nektar-Pollengemisch zum Vorschein. Und eine Larve. Für Günter Reif war das der erste bewusste Kontakt mit einer Wildbiene. Ein Schlüsselerlebnis, wie er selbst sagt. Aber auch der Beginn einer ganz besonderen Beziehung, die bis heute anhält.

Mit seiner Überzeugung, dass Wildbienen besondere Aufmerksamkeit verdienen, steht der 70-jährige Vorsitzende des Kreisverbands für Gartenbau und Landespflege Kulmbach nicht allein. Wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass es Honigbienen ohne Unterstützung nicht schaffen, für eine optimale Bestäubung zu sorgen. Das beste Bestäubungsergebnis wird erhalten, "wenn alle zusammenhelfen" - also Honigbienen, Schwebfliegen, Käfer, spezielle Schmetterlinge. Und eben auch Wildbienen. Wie bei vielen Projekten, optimiert auch hier die Gemeinschaft das Ergebnis.

Stumpfzähnige Zottelbiene

Doch für Reif, der als Referent für Natur-Vorträge gefragt und bekannt ist, zählt nicht nur die bemerkenswerte Bestäubungsleistung der Wildbienen. Auch ihre Vielfalt fasziniert ihn. In Deutschland gibt es ungefähr 560 Arten, in seinem Garten hat der begeisterte Hobbyfotograf bereits 100 verschiedene Arten abgelichtet. Sie tragen exotisch anmutende Namen wie Gehörnte Mauerbiene, Schwarzbürstige Blattschneiderbiene, Gelbbindige Furchenbiene, Große Weiden-Sandbiene, Stumpfzähnige Zottelbiene oder auch Schwarzbeinige Rippensandbiene. Wer sich mit Wildbienen nicht auskennt, verwechselt sie oft mit Wespen oder Fliegen. "Als ich noch zur Schule ging", erinnert sich der Naturliebhaber, "da erzählte der Lehrer nur etwas von Hummeln und Honigbienen. Etwas anderes kannte man damals nicht." Erst durch seinen naturnah gestalteten Garten mit vielen Obstbäumen, einem Teich und den unterschiedlichsten Blumen wurde Reif auf die Vielfalt aufmerksam und lernte "genauer hin zu schauen, weil ja jede Art anders aussieht".

Genau diese Vielfalt ist allerdings stark gefährdet: Laut Bund Naturschutz gelten mehr als die Hälfte der Wildbienenarten als bedroht, 31 Arten sind sogar vom Aussterben bedroht. Grund dafür ist neben einem schwindenden Nahrungsangebot auch die Zerstörung der Wildbienen-Lebensräume. "Früher fanden die Wildbienen reichlich Unterschlupf. Es gab viele Häuser aus Sandstein und mit Kalkmörtel gemauerten Wänden, die reich an Spalten, Ritzen und Löchern waren", weiß Günter Reif. Heute sei dies alles nahezu verschwunden. Auch in den Dörfern. Wärmedämmung und der glatte, saubere Verputz bieten keine Hohlräume mehr, die viele Wildbienenarten für ihr Brutgeschäft benötigen. Zwar nisten nahezu 75 Prozent aller Wildbienenarten im Boden. Die übrigen 25 Prozent sind jedoch zum überwiegenden Teil auf Pflanzenhalme oder Fraßgänge von Käfern im Holz angewiesen. Durch fortschreitende Flächenversiegelung, die intensive Landwirtschaft und die aufgeräumten Privatgärten sind diese Nistmöglichkeiten in der Vergangenheit allerdings stark zurückgegangen.

Gegen Wohnungsarmut

An eben diesem Punkt, den fehlenden Nistmöglichkeiten für Wildbienen, hakt Günter Reif ein. Denn jeder Gartenbesitzer könne bei sich vor Ort etwas gegen die Wohnungsarmut unternehmen: mit einem Wildbienenhotel. Reif, der regelmäßig Vorträge bei Gartenbauvereinen hält und leidenschaftlicher Fotograf ist, spricht absichtlich nicht von Insektenhotels. Weil nämlich beispielsweise Florfliegen, Ohrwürmer und Schmetterlinge im Garten im Gegensatz zu Wildbienen keine zusätzlichen Wohnungs- und Nisthöhlen-Angebote benötigen.

Die in Bau- oder Gartenmärkten angebotenen Insektenhotels müsse man jedoch gut unter die Lupe nehmen. Denn viele von ihnen seien schlichtweg nicht geeignet, weil sie die Ansprüche der Einsiedlerbienen fast komplett ignorieren. Sinnlose Elemente, billiges Ausgangsmaterial, überflüssige Raumfüller: "Geldschneiderei", sagt der Kreisvorsitzende und schüttelt dabei den Kopf. Solche Insektenhotels würden mit Sicherheit zu einer herben Enttäuschung von Eltern und Kindern führen, weil dieses Füllmaterial die Besiedelung durch Wildbienen nahezu unmöglich mache.

Werden allerdings einige grundlegende Dinge beachtet, wie zum Beispiel die Ansprüche an das Holz, der Durchmesser der Bohrlöcher oder auch die Qualität der Schnittkanten, können Enttäuschungen vermieden werden. Reif, der bei seinen Vorträgen regelmäßig Fotos seiner Schützlinge in beeindruckenden Großaufnahmen präsentiert, möchte andere mit seiner Begeisterung anstecken. Denn: "Mit Wildbienen kann man echt was erleben", kommt er ins Schwärmen. Wann immer die Kinder - und auch die Erwachsenen - Lust dazu haben, können sie in aller Ruhe zusehen, wie die einzelnen Wildbienen am Hotel friedlich ein- und ausfliegen. Wie sie selbst bei schlechtem Wetter und niedrigen Temperatur aktiv sind. Wie sie in ihrer Brutröhre eine Kammer nach der anderen füllen. Und wie sie am Ende das Ganze mit einem Deckel aus Erde und Speichel verschließen.

Bienen auf die Hand nehmen

Ein richtiges Abenteuer, Naturerlebnis pur, weiß Reif aus langjähriger Erfahrung. Und ungefährlich. Denn Wildbienen stechen nur bei Lebensgefahr, man könne sie sogar "auf die Hand nehmen", sie greifen nicht an, weil sie kein Volk zu verteidigen haben. So könne man auch gleichzeitig den Kindern die Angst vor Insekten nehmen.

Doch mit dem Aufhängen eines Insektenhotels allein ist es nicht getan. Anders als bei Honigbienen, die einen Flugradius von ungefähr drei Kilometern haben, beträgt der Aktionsradius von Wildbienen nur ungefähr 80 Meter. Fazit: Befindet sich im Umkreis von 80 Metern nicht genügend Nahrung, dann wird "einfach weitergeflogen". Bis zu einem Ort, an dem es einen Nistplatz gibt und gleichzeitig das Nahrungsangebot zufriedenstellender ist. Im 1500 Quadratmeter großen Garten von Günter Reif besteht allerdings keine Gefahr, dass die dort ansässigen Wildbienen abwandern. Dafür gibt es auch einen Grund: "Entscheidend ist die Tracht. Es muss blühen von März bis November."

Pflanzenvielfalt schaffen

Doch welche Blumen sind für die Wildbienen von Nutzen? Auch hier trifft der engagierte Naturliebhaber eine klare Aussage. Denn von Listen mit passenden Pflanzen hält er nichts: "Wichtig ist eine möglichst große Vielfalt. Die Pflanzen müssen den Menschen gefallen, denn der Garten ist ja für uns Menschen da. Doch wenn er richtig angelegt ist, dann ist der Garten auch für die Insekten ein Paradies." Sobald es im Garten diese Pflanzenvielfalt gibt, sagt Reif, blüht es auch automatisch vom Frühling bis in den Spätherbst. Mit einem über die Monate anhaltenden Nahrungsangebot bleiben die Wildbienen erfahrungsgemäß im Garten und haben keinen Grund abzuwandern.

Gestochen wurde Günter Reif in den letzten 30 Jahren übrigens nur ein einziges Mal: Nämlich als er vor einigen Jahren aus seinem Wasserfass eine seltene Wildbiene - es handelte sich um eine Gartenwollbiene, damals auch noch die Wildbiene des Jahres - vor dem Ertrinken rettete, indem er sie auf seinen Finger klettern ließ. Da stach die völlig erschöpfte und stark gestresste Biene zu - aber fotografiert hat er sie hinterher dann trotzdem noch.

Zu Besuch bei einer Imkerin

Kemnath

Ein Garten für Menschen und Insekten:

Sulzbach-Rosenberg

Tipps für einen bienenfreundlichen Garten:

Schnaittenbach
So sieht ein Insektenhotel beispielsweise aus. Errichtet wurde dieses vom Obst- und Gartenbauverein Ebnath.
Wildbienen bei der Arbeit.
Hintergrund:

Wichtig für den Bau von Wildbienenhotels

  • Keine Nadelhölzer verwenden, weil im Holz Harzkammern enthalten sind.
  • Ausschließlich Hartholz verarbeiten: Geeignet sind beispielsweise Esche, Buche, Eiche und alle Obstbaumarten.
  • Bohrungen im Holz sollten möglichst im rechten Winkel zur Holzfaser erfolgen. Aber es geht auch ins Stirnholz, besonders gut bei Esche, die kaum „Trocknungsrisse“ bekommt.
  • Gänge müssen „hinten“ geschlossen sein: nicht „durchbohren“.
  • Lochbohrungen mit einem Durchmesser zwischen zwei und acht Millimeter.
  • Saubere, glatte und möglichst splitterfreie Schnittkanten aller verwendeten Röhren.
  • Verwendung von Schilf- oder Bambushalmen (hohle Stängel, die nur an einem Ende offen sind) möglich.
  • Aufhängen in ein bis zwei Meter Höhe auf einer regenabgewandten Seite, möglichst unter einem Dachvorsprung.
  • Vogelschutzgitter (großer „Hasendraht“) anbringen, damit sich hungrige Vögel nicht die Brut aus den Röhren herauspicken können. Das Schutzgitter soll zirka fünf Zentimeter Abstand zu den Brutröhren haben.
Hintergrund:

Ungeeignete Materialien für das Wildbienenhotel

Ungeeignete Materialien für ein Wildbienenhotel sind Borkenstückchen, Astteile, Holzhäcksel, Stroh, Heu, Fichtenzapfen und die meisten Lochziegel. Geeignet sind nur alte Lochziegel mit kleinen Bohrungen.

Hintergrund:

Stechen Wildbienen?

Nur wenige der Wildbienenarten sind in der Lage, einen Menschen zu stechen – der Stachel ist zu kurz und zu schwach dafür. Außerdem fehlen Widerhaken.

Bei der Honigbiene bleibt der Stachel in der menschlichen Haut stecken und führt dadurch zum Tod der Biene. Bei Wildbienen ist dies nicht der Fall. Die Drohnen (=Männchen) besitzen keinen Stachel.

Hintergrund:

Lebenszyklus einer Wildbiene

Nach der Begattung sucht sich das Weibchen eine geeignete Röhre. Je nach Länge baut sie mehrere Kammern hintereinander.

Sie trägt Pollen und Nektar („Pollenbrot“) ein und legt zum Futtervorrat ein befruchtetes Ei. Dann wird diese Kammer verschlossen. Üblicherweise geschieht das mit Lehm, Sandkörnern und Speichel.

Es folgen die nächsten Kammern, jeweils mit Eintrag von Honigkuchen und Ablage eines Eis.

In die letzte Kammer beziehungsweise in die letzten beiden Kammern in der Röhre wird ein unbefruchtetes Ei gelegt, aus dem sich eine Drohne entwickelt.

Diese verlässt nach der Metamorphose (Ei, Larve, Puppe, Biene) zuerst den Nistraum.

Achtung: Im Herbst die verschlossenen Röhren nicht öffnen, da in ihnen die Wildbienen-Puppen oder fertigen Bienen den Winter überdauern. Sie schlüpfen erst zur jeweiligen Flugzeit der Bienenart im kommenden Jahr.

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