04.12.2018 - 16:05 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Flucht geht weiter

Von Weiden nach Kabul wurde im Juli ein 26-jähriger Afghane abgeschoben. Der Fall schlug bundesweit Wellen. Nun lebt der Ex-Weidener in Teheran. Weiterhin setzen sich nicht nur Oberpfälzer für ihn ein – sogar der evangelische Landesbischof.

Mit dem Flugzeug wurde ein in Weiden lebender 26-jähriger Afghane nach Kabul abgeschoben. Derzeit lebt er in Teheran.
von Uwe Ibl Kontakt Profil

Innenminister Joachim Herrmann macht dem evangelischen Landesbischof wenig Hoffnung auf eine Rückkehrmöglichkeit für Ahmad ."Die Rechtmäßigkeit der Abschiebung wurde wiederholt verwaltungsgerichtlich bestätigt. Die von Herrn Dekan Dr. Slenczka angesprochene Rückholung nach Deutschland ist daher nicht möglich", heißt es in dem Schreiben von Herrmann an Heinrich Bedford-Strohm. Für eine etwaige Wiedereinreise nach Deutschland benötige er ein Visum. Ob er das bekommt, entscheidet die zuständige deutsche Auslandsvertretung. Dem entgegen steht das Wiedereinreiseverbot, das in der Regel bis zu fünf Jahre betragen kann. Bei dem 26-Jährigen sind es drei Jahre.

Die Vorgeschichte:

Weiden in der Oberpfalz

Allerdings stehe es ihm offen, so Herrmann, die nachträgliche Verkürzung der Wiedereinreisesperre unter Darlegung der Gründe zu beantragen. Der letzte Satz der acht Seiten des Innenministers: "Die Begleichung der Abschiebungskosten, die durch eine Befolgung der Rechtspflicht zur Ausreise hätten vermieden werden können, wirkt sich dabei regelmäßig positiv aus." Nur eines der Problem dabei: Slenczka geht dafür von einer sechsstelligen Euro-Summe aus.

"Auf der einen Seite bin ich dankbar, dass das Innenministerium sich gekümmert hat", reagiert Slenczka auf das Schreiben aus München. Es war die Antwort auf ein Dossier, dass der Dekan für den evangelischen Landesbischof schon im Juli zusammengestellt hatte. Damit hatte sich Bedford-Strohm an Herrmann gewandt, um es irgendwie zu schaffen, dass Ahmad zurückkehren könnte. "Auf der anderen Seite habe ich nicht den Eindruck, dass wirklich ein Weg gesucht wurde, wie man vor allem auf die Tatsache der Konversion angemessen eingehen kann." Ahmad wurde in Weiden evangelisch getauft.

Auf der einen Seite bin ich dankbar, dass das Innenministerium sich gekümmert hat. Auf der anderen Seite habe ich nicht den Eindruck, dass wirklich ein Weg gesucht wurde, wie man vor allem auf die Tatsache der Konversion angemessen eingehen kann.

Dekan Wenrich Slenczka

Mit 69 anderen Afghanen war der junge Mann Anfang Juli abgeschoben und nach Afghanistan geflogen worden. In Kabul hatte er keine Angehörigen. Mutter und Schwester sind bei einem Anschlag getötet worden. Ohne Verwandschaft sei ein Leben in Afghanistan noch gefährlicher als es ohnehin ist, beschreibt der evangelische Dekan Wenrich Slenczka die Situation für Ahmad. Vom Hochkommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR) gebe es eine Empfehlung, niemanden nach Afghanistan abzuschieben, der dort keine Familie habe. Per Mail und Whatsapp steht Slenczka weiter mit dem jungen Mann in Kontakt. So wusste er auch, dass der 26-Jährige Afghanistan verlassen hatte.

Auf gefährlichen Wegen habe er mittlerweile Teheran erreicht. Die Situation ist dort für den Flüchtling ebenfalls nicht einfach. Immerhin hat er einen Arbeitsplatz in Aussicht.

Selbst in Teheran sorgt sich sein ehemaliger Arbeitgeber aus Weiden um den Afghanen. Der Weidener Geschäftsmann stammt aus dem Iran, war vor rund 40 Jahren selbst als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Mohamed Nakhostin hält große Stücke auf Ahmad und hat ihn während einer Geschäftsreise in Teheran getroffen. Der Weidener Teppichhändler kümmere sich wie ein väterlicher Freund um seinen ehemaligen Angestellten, beschreibt Slenczka das Verhältnis der beiden.

Der junge Mann ist in Weiden zum Christentum konvertiert. Selbst jetzt im Iran ist es ihm ein Anliegen aus Weiden Sonntagsgottesdienste zu bekommen. Die mailt ihm der Dekan aus der Oberpfalz mit einer speziell für ihn verfassten Kurzpredigt und Gebeten auf Deutsch sowie einer Bibellesung auf Persisch, die Slenczka aus dem Internet kopiert. Im Moment sorgen seine Weidener Freunde dafür, dass der junge Mann im Iran zurecht komme. "Das ist aber auch eine unsichere Geschichte, denn Afghanen haben es nicht leicht im Iran."

Kommentar:

Unerlaubte Beschäftigung

Die Mutter und Schwester sind tot. Bei einem Anschlag ums Leben gekommen. Der junge Afghane entkam dem Wahnsinn in seiner Heimat nach Deutschland. Und gerät hier in die Mühlen der Bürokratie.
Wie die sich drehen, beschreibt Joachim Herrmann auf sechseinhalb der acht Seiten seines Briefs. Asylantrag, Ablehnung, Klage, Asylfolgeantrag, Verfassungsbeschwerde, Beschäftigungserlaubnis, ärztliche Bescheinigungen, immer wieder der Hinweis auf fehlende Reisedokumente.
Und dann der Satz "Die Ausländerbehörde war gesetzlich dazu verpflichtet, die Abschiebung einzuleiten." Damit war auch die Beschäftigungserlaubnis für den jungen Mann erloschen. Und damit kam die Anordnung des "Ausreisegewahrsams". Oder auf gut Deutsch: Gefängnis bis zur Abschiebung. Herrmann schreibe von einem offenbar für ihn unerhörtem Verhalten des jungen Mannes: "Von der Polizei konnte er nicht in seiner Wohnung angetroffen werden, jedoch an seinem Arbeitsplatz, wo er unerlaubt weiter der Beschäftigung nachging." Ahmad war integriert, hatte sich taufen lassen, arbeitete für seinen Lebensunterhalt - auch noch ohne Genehmigung. Um diese menschliche Tragödie zu verdeutlichen braucht es keine sechseinhalb Seiten. Um dieser Tragödie zu begegnen, braucht es Menschen, die den Mensch auch im Flüchtling sehen. Und die gibt es für Ahmad zum Glück auch.

Uwe Ibl

Zu Ahmads ersten Tagen in Kabul:

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Offener Brief von Dekan Wenrich Slenczka:

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Bei Behörden nachgefragt:

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