22.07.2019 - 18:36 Uhr
NittenauDeutschland & Welt

Jagdunfall bei Nittenau: Geschoss kein Querschläger

"Hatte er eine Überlebenschance?", fragt der Staatsanwalt. Ein Gerichtsmediziner verneint. Das Geschoss, abgefeuert bei einer Drückjagd nahe Nittenau, tötete den Ingenieur Harald S. Jetzt wird klar: Es war keinesfalls ein Querschläger.

Autos fahren auf der Bundesstraße 16 zwischen Feldern und Wald (Luftaufnahme mit einer Drohne). Ein 46-Jähriger Jäger soll bei einer Gruppenjagd in dem Feld im August 2018 einen Schuss abgegeben haben, der einen Mann durch die Seitenscheibe eines vorbeifahrenden Autos an der Straße tödlich traf. Knapp ein Jahr nach einem mutmaßlichen Jagdunfall muss sich der Jäger vor dem Landgericht Amberg verantworten.
von Autor HOUProfil

Es glich fast schon einer Doktorarbeit, die der Waffenexperte Axel Manthei vom Bayerischen Landeskriminalamt (LKA) vor der Ersten Strafkammer des Amberger Landgerichts ablieferte. Über Wochen hinweg hatte er sich mit dem tragisch geendeten Jagdunfall bis ins kleinste Detail beschäftigt. Dazu gehörte die eingehende Untersuchung zahlreicher Waffen, Patronenhülsen, des tödlichen Geschosses und auch lokaler Gegebenheiten.

Zum Vorbericht:

Amberg

Manthei war am 12. August 2018 in Nittenau, er setzte zahlreiche Versuche an, ermittelte sowohl am Unglücksort als auch unter dem Mikroskop. Das Ergebnis schilderte der Ingenieur in einem zweistündigen Vortrag. Erste Erkenntnis dabei: Das bei der Obduktion im Körper des getöteten 47-Jährigen gefundene Projektil stammte aus der Selbstladebüchse des jetzt wegen fahrlässiger Tötung angeklagten Jägers.

Abpraller unwahrscheinlich

Fest stand für den Experten, dass die in Richtung der Bundesstraße abgefeuerte Patrone auf ihrer Flugbahn "mit etwas in Berührung kam und dadurch ihren Weg um zwei Grad veränderte". Den Ackerboden beim von elf Waidleuten umstellten, 25 000 Quadratmeter großen Maisfeld brachte Manthei zwar ins Gespräch. Aber einen Abpraller von dort hielt er für höchst unwahrscheinlich.

Schuss Richtung B 16

Blieben drei weitere Möglichkeiten: ein ins Visier genommenes Wildschwein, der entlang der B 16 errichtete Schutzzaun oder der Böschungsbewuchs neben der Bundesstraße. Am ehesten für denkbar hielt der LKA-Mitarbeiter, dass das Projektil tatsächlich ein Tier traf, bevor es den Beifahrer einer vorüberkommenden Autos tötete.

Auch der zu den Sicherheitsvorschriften referierende Gert von Kriegelstein brauchte zwei Stunden für sein Gutachten. Er steht in den Diensten der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft, zu der auch das Jagdwesen gehört. Der 46-Jährige habe zu Beginn der Drückjagd eingehend seine Jagdgäste belehrt, ließ Kriegelstein anklingen. Doch dann skizzierte sich in seinem Vortrag heraus: Ausgerechnet der Hauptverantwortliche schoss in Richtung der nahen B 16.

Aus der Position des Schützen, der 2,5 Meter hoch auf einem Anhänger in seiner Jagdkanzel stand, sei höchstens bis zu 17 Metern Entfernung ein sogenannter Kugelfang (sprich Ackerboden) gewährleistet gewesen, ließ der Sachverständige anklingen. Doch das Geschoss flog noch rund 100 Meter weiter in Richtung der Straße. Genau dorthin aber hätte es nie gehen dürfen.

"Er ist hingerichtet worden"

Die Eltern des getöteten Harald S. sitzen als Nebenkläger im Gerichtssaal. Sie hören an diesem Tag von der verheerenden Wirkung, die das Geschoss bei ihrem Sohn anrichtete: Oberarmdurchschuss, Lunge getroffen. "Hatte er eine Überlebenschance?", fragte Staatsanwalt Oliver Wagner den Erlanger Gerichtsmediziner Stefan Seidl. Der Professor verneinte.

Was dann folgte, waren die bisher düstersten Momente in diesem Prozess. Die Vorsitzende Richterin Rowitha Stöber gab den Eltern des Opfers Gelegenheit zur Äußerung. Von der Mutter (72) hörte sie: "Wir sind auf einmal in ein Loch gefallen." Der Vater (80) sagte: "Er ist hingerichtet worden." Das war seine Sicht der Dinge. Danach herrschte über Sekunden hinweg Stille. Die Verhandlung wird am Mittwoch fortgesetzt. Dann könnte auch ein Urteil fallen.

Bericht zum Prozessauftakt:

Amberg

Ein 47-Jähriger aus Regensburg ist als Beifahrer in einem Auto plötzlich zusammengesackt und wenig später verstorben.

Nittenau

Projektil stammt aus einem Jagdgewehr.

Nittenau

Die Kriminalpolizei in Amberg hat einen Tatverdächtigen ermittelt.

Nittenau

Anklage wegen "Fahrlässiger Tötung" erhoben:

Nittenau

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