Urteil im Menschenraub-Prozess am Landgericht Weiden: Der Fall im Detail

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Schleusungen, Schläge, Vergewaltigungen, erzwungene Trennung von ihrem kleinen Sohn – eine junge Frau machte seit 2018 die Hölle durch. Nun hat das Landgericht Weiden Ahmad und seinen Sohn Khaled E. deswegen verurteilt.

Ahmad E. (Zweiter von links) und sein Sohn Khaled E. (Zweiter von rechts) sind vor dem Landgericht Weiden verurteilt worden.
von Matthias Schecklmann Kontakt Profil

Ahmad E. muss während des Plädoyers des Verteidigers den Saal verlassen. Er fühle sich nicht wohl. Nach einer kurzen Unterbrechung kehrt er zurück in den Gerichtssaal. In seinen Schlussworten betont er, dass er acht Kinder habe: „Ich will nicht, dass sie ohne Vater aufwachsen müssen. Ich bitte das Gericht um Gnade.“

Sein mitangeklagter Sohn, Khaled, wirkt dagegen entspannt. Immer wieder grinst er, was seine glänzende Zahnspange zum Vorschein bringt. Das Landgericht Weiden verurteilt ihn wegen Vergewaltigung in vier Fällen und gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen zu einer Jugendstrafe von sechs Jahren. Ahmad E. bekommt wegen Schleusung von Ausländern, Nötigung und Entziehung Minderjähriger eine Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten.

„Merkwürdiges“ Verhalten

Khaleds Auftreten am achten und letzten Prozesstag passt ins Bild, das er seit dem Auftakt vor Gericht am 25. Juni pflegt: Lässig und lächelnd. Vorsitzender Richter Gerhard Heindl spricht das auch in der Urteilsbegründung an: „Der Angeklagte Khaled E. hat eine Vielzahl von Delikten verwirklicht. Mit einer kriminellen Energie ging es darum einen Menschen herabzuwürdigen und Gewalt auszuüben. Sein Verhalten vor Gericht weist auf Uneinsichtigkeit hin und ist zumindest merkwürdig“.

Da er die Mehrheit der Taten als Heranwachsender beging, griff das Landgericht auf das Jugendstrafrecht zurück. Hier sprach Richter Heindl an, dass er nicht als selbstständig bezeichnet werden kann, trotz einer begonnenen Ausbildung und einer eigenen Wohnung. Zusammen mit seiner Ehefrau, der Geschädigten, lebte er in der Wohnung der Eltern im westlichen Landkreis Neustadt/WN.

Mit seiner Frau war er nach islamischem Recht verheiratet worden. Die Ehe hatten sein Vater und der Schwiegervater arrangiert, ohne dass sich die Kinder kannten. Da die zukünftige Schwiegertochter 2018 noch in Syrien lebte, entschlossen die beiden Väter, dass sie nach Deutschland gebracht werden sollte.

Schleusung durch Schwiegervater

Das Landgericht sieht hier Ahmad E. als treibende Kraft hinter der Schleusung. Von Syrien aus ging es für die damals 19-Jährige, zusammen mit der Nichte und einer Tante des Angeklagten, über die Türkei nach Griechenland. Dort traf sie zum ersten Mal auf ihren Schwiegervater. Weil ein Ausreiseversuch per Flugzeug scheiterte, entschied sich Ahmad E. die Geschädigte und die Nichte über die Balkanroute zu schleusen. Dabei legten sie große Strecken zwischen Griechenland und Kroatien zu Fuß zurück. Per Auto und Zug kamen sie schließlich im Mai 2018 im Landkreis Neustadt/WN an. Ob der Angeklagte einen „geldwerten Vorteil“ aus der Schleusung zog, ließ sich im Verfahren am Landgericht Weiden nicht klären.

Bereits kurze Zeit nach der Ankunft in Deutschland wurde sie von Khaled E. schwanger. Allerdings gab es bald Probleme in der arrangierten Ehe. Die junge Frau wollte sich nicht unterordnen. Das führte zu Schlägen durch ihren Ehemann, unter anderem mit einem Gürtel und einem Kleiderbügel. Das Gericht schließt aber nicht aus, dass auch Ahmad E. dabei eine Rolle spielte. Wie die Geschädigte aussagte, kam ihr Mann nach einem Gespräch mit seinem Vater weinend zurück ins Zimmer und schlug sie. „Khaled war in gewisser Weise ein Werkzeug seines Vaters, um die patriarchalische Ordnung durchzusetzen“, erklärt Richter Heindl in der Urteilsbegründung.

Die mehrfachen Vergewaltigungen allerdings lastet das Gericht allein Khaled E. an. Das Gericht wertete die Aussagen der Geschädigten zu diesen Vorfällen als „sehr glaubwürdig und sieht keine Gründe daran zu zweifeln“. Die Verteidigung hatte während es Prozesses mehrfach die Glaubwürdigkeit des Opfers hinterfragt.

Die Stationen der Schleusung und der erzwungenen Ausreise

Kurz nach der Geburt des Sohnes im Februar 2019 setzten Ahmad und Khaled E. die junge Frau unter Druck. Sie müsse nach Griechenland reisen, um ihren Aufenthalt in Deutschland zu verlängern. Eine Lüge, um sie ohne ihr Wissen zurück nach Syrien zu bringen. „Plan war es sie außer Landes zu bringen, um sich des Sohnes zu bemächtigen“, führte Richter Heindl aus. Dafür spricht auch ein Antrag von Khaled E. auf das alleinige Sorgerecht für den fünf Monate alten Sohn, während der erzwungenen Auslandsreise der Mutter.

Nur nach Druck und Drohungen erklärte sich die junge Frau im Juni 2019 bereit mit ihrem Schwiegervater auszureisen. Ahmad E. habe gedroht, dass sie sonst ihren Sohn nie wieder sehe. Dass Khaled von der Absicht der Reise nicht gewusst habe, erschien dem Gericht ebenfalls „schwer nachvollziehbar“. „Die Trennung der Mutter von ihrem Kind war auf Dauer beabsichtigt“, verlas Heindl. Somit ist der Tatbestand der Entziehung Minderjähriger erfüllt. Vom Flughafen Köln flog die Geschädigte also mit ihrem Schwiegervater nach Thessaloniki in Griechenland. Dort stiegen sie in einen Bus in Richtung Türkei.

Kurz vor der Grenze entfernten sich Ahmad E. und seine Schwiegertochter vom Bus. Nachdem ein Fluchtversuch der Frau gescheitert war, überquerten sie die Landesgrenze, wo sie allerdings vom türkischen Militär festgenommen wurden. In einem Flüchtlingscamp in Edirne vertraute sich die Frau schließlich einer Helferin an. Ahmad E. kehrte nach Deutschland zurück. Die Geschädigte kam in ein Frauenhaus und erklärte ihren Fall in der deutschen Botschaft.

Kein Menschenraub

Laut Anklageschrift hätte ihr in Syrien als geschiedene Frau der Tod gedroht. Doch das verfestigte sich Zuge der Beweisaufnahme nicht. Mehrere Zeugen sagten aus, dass ihr Vater ein „vernünftiger Mann“ sei und „sie zurückgenommen hätte“. Daher entfiel schließlich auch der Anklagepunkt des Menschenraubes. Eine Rückkehr nach Deutschland zu ihrem fünf Monate alten Sohn wäre nach Ansicht des Gerichtes allerdings dennoch sehr schwierig und teuer gewesen, zumal ihr bereits in Köln die Ausweispapiere abgenommen wurden.

Julian Wunderlich, Verteidiger von Khaled E., erklärte nach dem Urteil, dass man dieses „so hinnehme“. Weitere Schritte müsste er mit seinem Mandanten besprechen. Hans-Wolfgang Schnupfhagn, Verteidiger von Ahmad E., schloss eine Revision ebenfalls nicht aus.

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