11.06.2021 - 12:17 Uhr
IllschwangOberpfalz

Tante-Emma-Laden und Post in einem Haus: Ehepaar Herbst erinnert sich an das alte Illschwang

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Betty Herbst (89) und ihr Mann Hans (93) gehören zu den ältesten Bürgern im 900-jährigen Dorf Illschwang. Er leitete einst die Poststelle, sie führte einen Gemischtwarenladen. Daran hängen allerhand Erinnerungen.

Betty und Hans Herbst: Sie führte bis 2004 in Illschwang einen Gemischtwarenladen, er verkörperte bis 1992 im Dorf die Post.
von Norbert WeisProfil

Eigentlich hatte sich Illschwang darauf gefreut, an diesem Wochenende die 2020 verschobene 900-Jahr-Feier nachzuholen, doch die Corona-Pandemie verhinderte das geplante große Fest mit historischen Gruppen abermals. Ein Stück weit wollten die Oberpfalzmedien diese Lücke auffüllen und besuchten mit dem Ehepaar Herbst zwei der ältesten Bewohner des Dorfes. Im Gespräch sprudelten vor allem bei Betty Herbst die Erinnerungen an früher nur so heraus. Der Interviewer fühlte sich direkt mitgenommen in die Zeit, in der sich das Postwesen und das Geschäftsleben in Illschwang allmählich entwickelten.

Bewegende Erinnerungen eines Heimatvertriebenen

Sulzbach-Rosenberg

Hausschlachtung noch üblich

Nach dem Zweiten Weltkrieg, bei dem Illschwang weitgehend verschont geblieben war, seien viele Flüchtlinge aus dem Sudetenland und aus Schlesien hierhergekommen. Sie wurden bei einheimischen Familien untergebracht. Der Wohnraum war knapp, und der Schwarzmarkt blühte, bis die Währungsreform 1948 die Lage verbesserte. Betty Herbst berichtet von vier Lebensmittelgeschäften und Kramerläden, in denen die Illschwanger einkauften. Eine Metzgerei fehlte, was aber nicht besonders ins Gewicht fiel: Nahezu jeder Haushalt betrieb eine Landwirtschaft im Nebenerwerb und schlachtete selbst.

Viel weiß Betty Herbst über ihren eigenen Laden zu erzählen. Simon Kellner hatte darin mit einer Schneiderei angefangen. 1929 machte Margarete Loos einen Gemischtwarenladen daraus, und unter dem selben Dach zog in diesem Jahr auch die Poststelle ein. Der Laden führte zum Beispiel auch Petroleum, denn elektrisches Licht war noch nicht selbstverständlich, und das Salz lagerte abgepackt in Säcken. Um die Belange der Post kümmerte sich Konrad Loos, der Ehemann von Margarete.

Postkutsche befördert nicht nur Briefe

Dort gab es das erste öffentliche Telefon in Illschwang, und es wurden Telegramme mit wichtigen Nachrichten abgeschickt oder empfangen. Ältere Bürger bekamen am Ende eines Monats ihre Rente ausgezahlt. Als Postboten schwärmten Peter Falk, Josef Wagner und Johann Schinhammer zu Fuß oder mit dem Fahrrad aus in die Nachbarorte bis ins Birgland. Seit 1929 beförderte eine Postkutsche mit zwei Pferden Briefe und Pakete nach Sulzbach-Rosenberg. Manche nutzten sie auch als Mitfahrgelegenheit. Poststelle und Laden liefen auch während der Zeit des Dritten Reichs und des Weltkriegs weiter.

1964 übernahm Hans Herbst die Poststelle. Acht Jahre zuvor hatte er Betty Loos geheiratet. Seine frühere Arbeit als Kfz-Mechaniker bei der Firma Zintl in Amberg gab er auf. 1992 ging Herbst dann in den Ruhestand. Seine Nachfolgerin Christa Wehrl blieb drei Jahre auf diesem Posten; dann schloss die Poststelle Illschwang für immer ihre Pforten. Ersetzt wurde sie durch eine Postagentur; zunächst in der Bäckerei Pollety und danach in der Bäckerei Wenkmann.

Auch nach Edelsfeld kam die Postkutsche

Edelsfeld

Ladenschluss im Jahr 2004

Mit der Heirat übernahm Betty Herbst den Gemischtwarenladen ihrer Mutter. Über die Jahre hinweg erweiterte sie schrittweise das Geschäft. Ihr Ehemann unterstützte sie, wenn er nicht mit Postangelegenheiten beschäftigt war. Die Bevölkerung war dankbar, dass es vor Ort eine solche Einkaufsmöglichkeit gab - übrigens auch am Sonntag. Da lief das Geschäft besonders gut, erinnert sich Betty Herbst. Viele hängten an den Kirchgang noch einen Einkauf an. Sinngemäß habe es bei der Bevölkerung geheißen: "Was man in der Stadt nicht kriegt, bekommt man beim Herbst."

2004 musste das Geschäft dann doch geschlossen werden. Betty Herbst erzählt: "Durch den Generationenwechsel und die zunehmende Motorisierung kam es auch zu einer Änderung der Einkaufsgewohnheiten. Die Märkte in der Stadt wurden dem Geschäft vor Ort immer mehr vorgezogen."

Streifzug durch Illschwangs 900-jährige Geschichte

Illschwang

"Was man in der Stadt nicht kriegt, bekommt man beim Herbst."

Einst ein geflügeltes Wort in Illschwang

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