17.12.2019 - 14:42 Uhr
Oberpfalz

Das Bier des armen Mannes

Während und nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg liegt der Alkoholgehalt des Biers oft unter einem Prozent. So wird sogar am Oktoberfest damals Dünnbier ausgeschenkt.

Schwelgen in Nostalgie: das Wirtshaus Unterbürg im Oberpfälzer Freilandmuseum Neusath-Perschen.

Bis in das 20. Jahrhundert hinein war Dünnbier, "das Bier des armen Mannes", das meistgetrunkene Bier in Bayern. Mit einem Alkoholgehalt unter zwei Prozent (Stammwürze zirka sechs Prozent) wurde es in großen Mengen konsumiert.

"Konsumiert" steht nicht für Bier als Getränk, es musste des schlechten Wassers wegen - der Brunnen war oft nur zwei, drei Meter neben dem Misthaufen - auch mit Bier gekocht werden. Biersuppe, Karpfen im Bierteig, usw. sind heute noch gängige Gerichte. Ja selbst Kleinkinder erhielten Bier zur Beruhigung.

Bei vier bis fünf Liter am Tag lag der durchschnittliche Konsum. Während und nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg lag der Alkoholgehalt oft unter einem Prozent, so wurde nach beiden Kriegen beim Münchener Oktoberfest und anderen Festen ebenfalls Dünnbier ausgeschenkt. Einen Beleg für das pro Person zugedachte Bier-Quantum findet man auch in den Archivalien des Klosters der Salesianerinnen in Amberg. Ende des 17. Jahrhunderts errichtet, war ihnen von Kurfürst Max Emanuel erlaubt worden, jedem Handwerk außer dem Bierbrauen nachzugehen.

Anfangs kauften sie das Bier beim benachbarten Gasthof "Zum Wilden Mann", bald darauf wollten sie in den Kommunbrauhäusern brauen lassen. Die Regierung riet wegen der schlechten Qualität des Bieres ab und empfahl, auch wegen der ungeltfreien Brauweise, das Bier bei den benachbarten Franziskanern zu holen, pro Ordensschwester und Tag drei Liter. Komplizierter wurde es mit dem Konventbier, benannt nach dem Konvent, der Versammlung der Klosterbrüder. Eigentlich ein Dünnbier, als solches gebraut oder als sogenanntes "Nachbier" verwendete man den Treber ein zweites Mal für einen weiteren Sud. Die Patres erhielten dagegen Braunbier.

Heute wird alles auf den Kopf gestellt. So brauten anlässlich der Landesausstellung "Bier" 2016 in Aldersbach mehrere Brauereien gemeinsam ein Konventbier als Festbier. "Konvent" klingt halt gut.

Beliebt bei jedem Brauereimitarbeiter ist das Deputatbier, zwar als Ersatz für Lohn nicht mehr zugelassen, doch trotzdem ein willkommenes Zubrot. Das seit Jahrhunderten gewährte Deputat, ein Naturlohn, sollte den Diebstahl und unerlaubten Weiterverkauf einschränken. Die Menge Deputat ist regional sehr unterschiedlich, vermehrt sich vom Norden zum Süden auf bis zu 60 Liter im Monat. Heute ist es eine Art Freibier, das jedoch, abhängig von der Menge, steuerpflichtig werden kann. Echtes Freibier findet man dagegen bereits bei den Alten Ägyptern. Man wollte die Arbeiter damit bei Laune halten. Dies gilt auch für die Neuzeit. So ließ Carl, Bruder von König Ludwig I., während der 1848er Revolution zur Beruhigung der aufgebrachten Massen Freibier ausschenken.

Freibier gab es häufig auch bei festlichen Anlässen in Adelshäusern oder bei honorigen Bürgern und Stadtfesten. Beim Handel und der Industrie ist zum Beispiel am "Tag der offenen Tür" ausgeschenktes Freibier eine Werbemaßnahme. Am besten schmeckt jedoch das Freibier, welches der Wirt seinen Stammgästen reicht.

Weitere Beiträge zum Thema Bier gibt es auf www.onetz.de/owz

Wirtshaussterben:

Definieren wir den Begriff „Wirtshaus“: Ein Gastronomiebetrieb, in den man sich – ursprünglich meist Männer – zur Unterhaltung, zum Gedankenaustausch, zum Kartenspiel, zum Abschließen von Geschäften und – mangels Mitteln – bestenfalls bei Festlichkeiten mit Familie zum Essen traf. Fernseher gab es (noch) nicht, Zeitungen waren zu teuer, also ging Mann ins Wirtshaus, um Neuigkeiten zu erfahren und zu politisieren. Hinzu kam vor allem in den Städten die Enge der Wohnungen bei vielen Kindern.

Vieles änderte sich in den vergangenen fünf, sechs Jahrzehnten: Höherer Lebensstandard war mit besserer Informationspolitik verbunden, das Bier zu Hause vor dem Fernseher zu trinken war bequemer und billiger. Der Bierkonsum ging ein Drittel zurück.

Bei oberflächlicher Betrachtung sieht es zum Beispiel in einer Stadt wie Amberg gar nicht so schlecht aus: Cafés mitgerechnet, gab es in den 1960er Jahren 90 Gastronomiebetriebe in Amberg, heute sind es 70. Während es sich vor 60 Jahren um Wirtschaften im klassischen Sinne handelte, befinden sich heute darunter Pizzerien, chinesische oder griechische Restaurants und Schnellimbisse.

Für das Wirtshaussterben gibt es wohl mannigfaltige Gründe: die Promillegrenzen, neue Arten der Freizeitbeschäftigung, das Heimkino, der sich in den Gasthaus-Preisen niederschlagende hohe Lohnanteil und vor allem der Generationswechsel. Wer ist heute noch bereit, zwölf Stunden oder länger hinter der Theke oder in der Küche zu stehen? Dazu kommt der Investitionsbedarf, vor allem in den Küchen und Sanitärbereichen. Auch Vereinsheime machen der Gastronomie Konkurrenz. Die Pacht ist oft nicht zu erwirtschaften. Und schließlich ein Phänomen der jüngsten Zeit: Personalmangel. Öffnungszeiten müssen eingeschränkt, Gruppenreservierungen oft abgelehnt werden. Eine Folge, vor allem auf dem Land: In offiziell geschlossenen Wirtschaften oder im heimischen Wohnzimmer trifft man sich zum fröhlichen Umtrunk. (ddö)

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